Gestapo über die RHD September 1935

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Siebenseitige Ausarbeitung der Geheimen Staatspolizei vom September 1935 über die RHD

Die Rote Hilfe (RHD)

Die Rote Hilfe war eine der grössten Massenorganisationen der legalen KPD. Daneben war sie aber auch eine der wichtigsten Nebenorganisationen, weil sie der Parteikasse erhebliche Summen zuführen konnte.
Die besondere Bedeutung der R.H. veranlasste daher auch das ZK der KPD zugleich mit dem Aufbau der Parteiorganisationen auch den Wiederaufbau der RH. durchzuführen.
Die Organisation der RH. ist folgende:
Oberste Instanz ist der Zentralvorstand der RH., dessen Mitglieder sich zum Teil im Auslande befinden. An der Spitze der RH.-Gruppen im Reich steht die Reichsleitung. Das Reichsgebiet ist ähnlich der Parteiorganisation in Bezirke eingeteilt. Je nach der Mitgliederstärke werden 3 bis 5 Bezirke in einem Ober-Bezirk zusammengefasst, den ein Oberberater der RH. zu verwalten hat. Den Bezirk leitet der Bezirksvorstand, der aus dem Pol[itischen]- und Org[anisations]leiter, Kassierer, Emigrantenobmann, Frauenabteilungsleiter und dem Kurier besteht. Die Bezirke sind in zwei Hauptgebiete und diese erforderlichenfalls in Instruktionsgebiete gegliedert. Der Hauptgebietsleiter hat die Verbindung mit dem Bezirksvorstand aufrecht zu erhalten. Ihm unterstehen die Instruktionsgebietsleiter. Jedes Instruktionsgebiet ist in Bezirks- oder Ortsgruppen unterteilt. Die Bezirks- oder Ortsgruppen endlich gliedern sich je nach Grösse in Stadtteile, Strassen- oder Betriebszellen, die aus Dreiergruppen bestehen.
Die Rote Hilfe hat neben propagandistischen Aufgaben als Hauptaufgabe die finanzielle und sachliche Betreuung der Straf- und Schutzhaftgefangenen, sowie deren Angehörige und der Emigranten durchzuführen. Zu diesem Zweck hat sie sich die erforderlichen illegalen Verbindungen nach dem Ausland, die nötigen falschen Ausweispapiere usw. zu beschaffen. Die Mittel hierfür müssen durch Erhebung von Mitgliedsbeiträgen, Verkauf von Literatur usw. aufgebracht werden.
Auch in der Verbreitung der Hetz- und Greuelpropaganda gegen das neue Deutschland spielt die RH. eine sehr große Rolle. Die hauptsächlichsten Zentralen für die Greuel-Propaganda sind: Prag, Paris und Basel. Hieraus ergibt sich auch die besondere Gefährlichkeit dieser Organisation. Daneben gilt die RH. auch heute noch als eine gute Geldquelle für die illegale KPD.
Nach den aus den Monaten Juli und August 1935 vorliegenden Berichten zu urteilen, besitzt die RH. heute wieder eine das ganze Reichsgebiet umfassende und gut ausgebaute Organisation. Aus allen Teilen des Reiches wird nicht nur eine äusserst rege Propaganda, sondern auch eine lebhafte Sammel- und Werbetätigkeit gemeldet. Bemerkenswert ist, dass in Dortmund Partei-Spitzenfunktionäre auch gleichzeitig RH-Funktionen ausgeübt haben. Die RH. ist somit die einzige Organisation der illegalen KPD, die fast ununterbrochen weiter arbeiten konnte, trotzdem durch erfolgreiche polizeiliche Zugriffe Teile des Apparates aufgeräumt wurden. Dies hat seinen Grund in der Hauptsache darin, dass der Funktionärskreis der RH ein viel breiterer als der der KPD ist. Ausserdem sind viele Funktionäre nicht Mitglieder der KPD und deshalb auch nicht als Kommunisten bekannt geworden.
Ferner konnte in den Grenzbezirken festgestellt werden, dass die RH über bessere und schneller arbeitende Verbindungen in das Ausland verfügt, als die illegale KPD. (z.B. bei Fortschaffung von Flüchtlingen).
Besondere Beachtung verdient ein Beschluss der süddeutschen Leiter der RH, der auf einer Konferenz in der Schweiz gefasst wurde. In diesem Beschluss wird angeordnet, dass nicht nur Angehörige der KPD, sondern auch solche der SPD und sogar der NSDAP, SA und SS betreut werden sollen, sofern sie aus politischen Gründen in Haft genommen werden. Dieser Beschluss zeigt mit aller Deutlichkeit die Gefährlichkeit der RH.
Im übrigen macht sich auch hier das Bestreben bemerkbar, nicht nur alle kommunistisch eingestellten Personen, sondern überhaupt alle Antifaschisten und auch Unzufriedenen und Verärgerten zusammen zu fassen und für das Ziel des internationalen Kommunismus, die Weltrevolution zu gewinnen.
Aus den vorliegenden Meldungen ist ferner zu ersehen, dass in einigen Bezirken erhebliche Summen und auch Sachwerte zur Unterstützung von politischen Gefangenen und deren Angehörige gesammelt worden sind. Nach den Feststellungen wurden monatliche Unterstützungsbeiträge von durchschnittlich RM 5,-- bis RM 10,-- gezahlt. Wenn diese Beiträge auch gering sind, so wird dennoch durch diese Unterstützungen der fanatische Wille der KPD Mitglieder und Anhänger für die Ziele des Kom[munismus] zu kämpfen aufrecht erhalten und sogar gestärkt.
Nachstehend Auszüge von lediglichen wesentlichen [handschriftlich korrigiert] Berichten der Staatspolizeistellen und Politischen Polizeien der Länder:

Stapo Aachen
Im deutschen Grenzwall wurden grosse Mengen Hetz- und Klebezettel mit den Fotokopien von Kopfbildern Thälmann’s, Mierendorf’s, Eugen Schönhaar’s usw. gefunden, die sämtlich die Überschrift „RHD“ tragen. Dieses Material ist von Emigranten aus dem dortigen Bezirk über die Grenze geschafft und im Grenzwall ausgestreut bezw. geklebt worden. Gleichartiges Material wurde auch in erheblichem Umfange in Personenzügen, die aus Belgien und Frankreich kamen, gefunden.
Ferner wird die Inschutzhaftnahme von 4 RH-Mitgliedern gemeldet, die aber den Anweisungen über das Verhalten der Polizei und dem Richter gegenüber entsprechend jede Aussage über ihre Gesinnungsgenossen und Hintermänner verweigern.
Nach Festnahme des RH-Funktionärs Packschys, der bereits 1934 die RH. im Bereich der Stapo Aachen aufgezogen hatte, konnte der gesamte Apparat aufgerollt werden. Beiträge wurden nach der Höhe des Einkommens der Mitglieder gestaffelt eingezogen. Es sind erhebliche Summen in Einzelbeträgen von RM 6,- bis RM 8,- an die Frauen und Angehörigen der zu längeren Zuchthausstrafen verurteilten Mitglieder gezahlt worden. Der Kreis der Unterstützten ist recht gross. Eine klare Übersicht konnte noch nicht gewonnen werden. Bemerkenswert ist, dass sich auch Frauen für die Mitarbeit zur Verfügung gestellt haben. Sammlungen wurden bis in die jüngste Zeit durchgeführt.

Stapo Berlin
In der RH-Sache Jahn und Gen. erfolgten weiter zahlreiche Festnahmen. Es wurden in erheblichem Umfange Zellenzeitungen verbreitet. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Stapo Dortmund
meldet Festnahme von mehreren Personen, die den Wiederaufbau der RH. versucht haben. Es wurde festgestellt, dass Partei-Spitzenfunktionäre mit RH-Funktionären in enger Verbindung standen und sogar RH-Funktionen in Personalunion innehatten.

Stapo Düsseldorf
In Remscheid gelang es, eine starke Zelle der RH. auszuheben. 22 Personen wurden festgenommen und dem Richter vorgeführt. Die Festgenommenen haben für die Familien und Angehörigen einsitzender Kommunisten Lebensmittel und Bargeld gesammelt und an diese verteilt. Die Spender wollen sie nicht kennen.

Stapo Potsdam
Im Bereich der Stapo Potsdam ist festgestellt worden, dass die RH Sammlungen durchführt. Die Ermittlungen schweben.

Stapo Saarbrücken
Im Saargebiet sind an vielen Stellen Versuche zum Wiederaufbau der RH festgestellt worden.

Bayrische Politische Polizei
Die RH trat in Erscheinung durch Vertreiben umfangreichen Werbematerials und Betreiben von Greuelpropaganda. An Literatur wurde vertrieben: Die „Rote Fahne“, „Inprekorr“ und das „Tribunal“. Ausserdem tauchten Klebezettel in grüner Farbe mit den Kopfbildern von Ossietzsky, Muhsen [vermutlich gemeint: Erich Mühsam], Schönhaar usw. in grösseren Mengen auf. In diesem Zusammenhange konnten bereits grössere Festnahmen erfolgen.

Ferner wurden zahlreichen Künstlern aus Paris Hetzblätter übersandt, die „RHD“ unterzeichnet waren. In diesen Flugblättern wurde unter Hinweis auf die gegen die Schauspieler der „Katakombe“ und des „Tingel-Tangel’s“ und dem Bühnentrupp durchgeführten gebührenden Massnahmen gegen den Nationalsozialismus gehetzt […]. Die Hetzblätter enthielten auch eine Greuelmeldung über den angeblichen Selbstmord der Kläre Waldorff [gemeint: Claire Walldoff].

Gestapo Stuttgart
In Württ[emberg] besitzt die RH. einen umfangreichen und gut organisierten Apparat. Ausserdem bestehen in verschiedenen Grossbetrieben Stuttgarts kleinere Betriebszellen. Den Hauptrückhalt der RH. in Württ[emberg] bildet die Grenzleitstelle in Zürich, von der aus die Bez.-Ltg. [Bezirksleitung] mit Material und Geld versorgt wird. Es konnten infolgedessen 80 Personen, deren Angehörige aus politischen Gründen einsitzen, fast regelmäßig mit RM 5,-- bis RM 10,-- monatl. unterstützt werden.
Das „Tribunal“ wurde fast regelmäßig in Auflagen von 500-1500 Exemplaren herausgebracht.
Das Funktionärreservoir schien unerschöpflich. Zum Teil übernahmen Parteifunktionäre in den Stadtteilen auch die Arbeit der RH.
Besonders bemerkenswert ist noch ein Beschluss der süddeutschen Leiter der RH, in dem auch die Unterstützung von SPD-, NSDAP-, SA- und SS-Angehörigen angeordnet wird, sofern diese aus politischen Gründen in Haft genommen worden sind.