Artikel der ASJ-Landesvorsitzenden MV: Schafft Rote Hilfe!

verina-speckin_bild_200An dieser Stelle dokumetieren wir einen Artikel von Verina Speckin, Rechtsanwältin in Rostock und Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen (ASJ). Der Artikel erschien diesen Monat in der „Nordostpost“, der regionalen Beilage zur SPD-Parteizeitung „VORWÄRTS“. Wir begrüßen es sehr, wenn sich in der SPD organisierte SozialdemokratInnen und SozialistInnen über die Aufgaben und Ziele der Roten Hilfe informieren und unsere konkrete Solidaritätsarbeit (bundesweit und hier in MV) kennenlernen. Als linke strömungsübergreifende Solidaritätsorganisation rufen wir alle Linken auf, sich auch in der Roten Hilfe zu organisieren und somit unsere wichtige Antirepressionsarbeit zu unterstützen.


Schafft Rote Hilfe!

Ein paar kurze Anmerkungen:

Skandal! Die Union hatte es aufgedeckt: Franziska Drohsel, frisch gewählte Juso-Bundesvorsitzende, war Mitglied des Vereins Rote Hilfe. Der Verfassungsschutz beobachtet diese Vereinigung wegen des Verdachts, sie würden Extremisten unterstützen. Anfang Dezember 2007 tritt sie aus.

1921 entstanden in Deutschland die ersten Rote Hilfe-Komitees. Im November 1921 wurde die Rote Hilfe in Berlin organisiert und ein Sekretariat gebildet. Erster Vorsitzender war Wilhelm Pieck, 1925 folgte Clara Zetkin.

Schon zuvor hatten sich in der Arbeiterbewegung Gruppen zusammengefunden, um Selbsthilfe zu organisieren und Rechtsberatung anzubieten für politische Gefangene und deren Familien.

Die Mitglieder der Roten Hilfe kamen aus der KPD und auch aus der SPD, knapp die Hälfte der Mitglieder war parteilos. Unterstützt wurde die Rote Hilfe Deutschland durch Prominente, Intellektuelle und Künstler, genannt seien Albert Einstein, Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Käthe Kollwitz, Otto Dix und Max Liebermann.

Mit Spenden und Zuwendungen unterstützte die Rote Hilfe Frauen und Kinder, die durch Inhaftierung Angehöriger in materielle Not geraten waren und Gefangene und zahlten Rechtsschutz.

Zu den bekanntesten Rechtsanwälten, die für die Rote Hilfe tätig waren, zählt der 1903 geborene Hans Litten, der seit 1928 als Rechtsanwalt beim Kammergericht Berlin zugelassen war. 1938 starb Hans Litten im KZ Dachau.

Nicht nur Anwälte aus Berlin unterstützten die Rote Hilfe, sondern auch in vielen anderen Städten gab es engagierte Kollegen. In den Beratungsstellen der Rote Hilfe waren häufig Frauen tätig, die seinerzeit nur unter Kämpfen die Zulassung zum Jurastudium bekommen hatten, selten das Referendariat ableisten konnten, die Zulassung zur Anwaltschaft war ihnen seinerzeit genauso versagt, wie der Eintritt in die Gerichtsbarkeit oder in die Verwaltung. Dies änderte sich erst im Laufe der 20iger Jahre.

Mit dem Ende der Weimarer Republik endeten auch die Möglichkeiten der Roten Hilfe. Nach dem Reichstagsbrand befanden sich unter den Verhafteten neben Herrn Rechtsanwalt Hans Litten weitere Anwälte, die mit Unterstützung der Roten Hilfe politische Verdächtigte verteidigt hatten.

Einige der Mitglieder und Unterstützer versuchten die Arbeit im Untergrund fortzusetzen und gingen in den Widerstand.

Heute versteht sich die Rote Hilfe als linke Schutz- und Hilfsorganisation, unterstützt werden sollen diejenigen, die wegen ihrer politischen Betätigung ihren Arbeitsplatz verlieren, Berufsverbot erhalten, vor Gericht gestellt und zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt werden oder sonstige Nachteile erleiden. Dabei unterscheidet die Rote Hilfe nicht, welche Politik von welcher Gruppe verfolgt wird und ist auch bereit, denjenigen materielle Unterstützung zu gewähren, die unter Extremismusverdacht stehen.

Hier sollten wir aber bedenken, dass jeder, gegen den strafrechtlich ermittelt wird oder gegen den ein Prozess eröffnet wurde, Anspruch hat auf engagierte anwaltliche Beratung und engagierte Strafverteidigung. Gerhard Schröder und Otto Schilly haben uns dies vorgemacht und sich engagiert für die Verteidigung von RAF-Mitgliedern. Engagierte Verteidigung kostet Geld, auch Anwälte müssen Essen einkaufen und Miete bezahlen.

Verina Speckin
ASJ Landesvorsitzende

Quellen: Nikolaus Brauns, Schafft Rote Hilfe! Dissertation, Verlag Pahl-Rugenstein
Heinz-Jürgen Schneider u.a., Die Rechtsanwälte der Roten Hilfe Deutschlands, politische Strafverteidiger in der Weimarer Republik, Verlag Pahl-Rugenstein