Kollektiver Hungerstreik sozialer und politischer Gefangener vom 01.-07. August 2008

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Vom 01. bis 07. August findet deutschlandweit ein kollektiver Hungerstreik sozialer und politischer Gefangener in den Knästen statt. Die Initiative für diese gemeinsame Aktionsform rührt aus einer Selbstorganisation der Gefangenen und sollte daher auch von außen tatkräftig unterstützt werden. Unterstützung heißt konkret: öffentliche Solidaritätsaktionen organisieren, in euren Organisationen Solidaritätserklärungen verfassen, aber auch persönlich Soli-Postkarten an Gefangene verschicken!
Die Gefängnisverwaltung wird es den Gefangenen bei dieser ersten kollektiven Kampfaktion seit vielen Jahren schwer machen, wo es nur geht. Denn die Gefängnisverwaltungen haben kein echtes Interesse daran, daß ihr Handeln öffentlicher Kritik oder Überprüfung unterzogen wird.
Diese kollektive Aktionsform wird, davon kann mensch also ausgehen, von den Gefängnisverwaltungen massiv behindert werden – mal subtil, mal in brutaler Offenheit. Dabei werden sie auch die politische und rechtliche Unerfahrenheit einiger Gefangener ausnutzen. Gerade deswegen gilt es, den Protest von außen zu unterstützen und dessen Inhalte in die Öffentlichkeit zu bringen.

Der Blick auf die Institution Gefängnis und den konkreten Gefängnisvollzug ist der Linken weitgehend verloren gegangen. Knast ist etwas, womit mensch lieber nicht viel zu tun haben, geschweige denn dort selber logieren möchte. Es entsteht so außerhalb der Gefängnismauern ein diffuses Angstszenario, verbunden mit mentaler Verdrängung und Ausblendung.
Es ist also notwendig, daß die Linke mal wieder in Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ oder Angela Davis „Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? Der gefängnisindustrielle Komplex der USA“ [ISBN 3-937623-32-9] blickt – und sich die Zustände in den heutigen Gefängnissen genauer anschaut.
Denn auch in Deutschland wächst, ähnlich wie in den USA und Großbritannien, die ökonomische Verwertung der billigen Gefangenenarbeit, werden profitorientierte Privatgefängnisse errichtet (wie z.B. exemplarisch in Hessen), werden Gefangene immer weiter entrechtlicht.
Eine innerlinke Diskussion über Sinn und Zweck von Gefängnisstrafen sowie über humanitäre Mindeststandards des Strafvollzugs ist längst überfällig!
(In der Rote Hilfe Zeitung 2/2008 finden sich übrigens einige sehr lesenswerte Hintergrundtexte zum gefängnisindustriellen Komplex.)

Hier das Schreiben von Anarchist Black Cross Berlin zum kollektiven Hungerstreik:

Vom 1. bis 7. August wird in Deutschland ein außergewöhnliches Ereignis stattfinden: mehr als 514 Gefangene (Stand vom 21. Juli) werden sich in einem kollektiven Hungerstreik befinden. Wir reden von einem „außergewöhnlichen Ereignis“ aufgrund verschiedener Gründe – die Gefangenenbewegung (wenn mensch überhaupt davon sprechen kann) trat in den letzten Jahren eher selten in den Kampf um die Zustände in den Knästen, eher waren dies einzelne mutige Beispiele. Große Kämpfe in Gefängnissen gibt schon seit Jahren nicht mehr, besonders seitdem das System der Privilegierungen – um nur eine Maßnahme zu nennen – erschaffen wurde hat ein Entsolidarisierungsprozess unter den Gefangenen stattgefunden. Viele Gefangene erzählen, dass die Leute drinnen eher an jeglicher Möglichkeit des Zeitvertreibs interessiert sind, als an der Verteidigung ihre „Rechte“ oder daran, mit anderen in Kontakt zu treten. Wenn wir die Veränderungen in den Gefängnissen parallel zu denen in der Gesellschaft ansehen, sind wir nicht überrascht, denn es herrscht [dort] ebenso ein Hang zur Vereinzelung, Individualisierung und ein allgemeines Desinteresse an einer Veränderung der aktuellen Zustände vor. Deshalb begrüßen wir die Selbstorganisierung der Inhaftierten sehr in der Hoffnung, dass diese für längere Zeit bestand haben wird und weitere Aktionen zur Folge haben wird.

Wir bitten euch deswegen, dass ihr euch solidarisch verhaltet und die Informationen auf euren Websiten und in eurer Umgebung / in eurem Umfeld verbreitet und Soliaktionen startet.
Den Aufruf, einen Brief von Gabriel (anarchistischer Gefangener in Aachen – er wird sich auch am Hungerstreik beteiligen) sowie Banner für eure Websiten, ein Soliposter zum Ausdrucken und Verteilen und Flyer gibt es unter: www.abc-berlin.net/hungerstreik
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Mit solidarischen Grüßen
Anarchist Black Cross Berlin