Kleines Weihnachtsgedicht von Erich Kästner

Hier noch ein kleines Weihnachtsgedicht, von Erich Kästner aus dem Jahre 1928, weil es auch 80 Jahre später noch (oder wieder) sehr gut zur sozialen Lage paßt.
„Jedes sechste Kind in Deutschland ist von Armut betroffen.“ Das sagt der Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland von Unicef aus Mai 2008. Und der Kinderreport 2007 legt dar: 14% aller Kinder in der BRD gelten offiziell als arm. Seit Einführung des ALG II (01.01.2005) hat sich die Zahl der auf staatliche Unterstützungen (Sozialgeld, Sozialhilfe etc.) angewiesenen Kinder auf 2,5 Millionen verdoppelt. Einer Prognos-Studie aus dem März 2007 zufolge leben allein in der Hansestadt Greifswald 2.131 Kinder unter 15 Jahren von Hartz IV-Leistungen. Das sind 40,4 % aller Kinder in Greifswald unter 15 Jahren. Greifswald belegte damit unter den 439 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland den achtletzten Platz!

Aber was soll das ganze Rumgeunke: Wir haben doch in Mecklenburg-Vorpommern mittlerweile „blühende Landschaften“, und auch „der Aufschwung kommt bei den Menschen an“… ;) – Na dann: Frohes Fest!


Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch Eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht so weit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
Macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen -
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
Denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil‘ge Nacht -
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt für’s Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit . . . .
Ach, du liebe Weihnachtszeit!