Buchrezension: „Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935 – Bericht der Internationalen Roten Hilfe aus dem Jahr 1935″

Wir dokumentieren mit freundlicher Genehmigung eine Rezension der Redaktion der Roten Hilfe Zeitung (RHZ 2/2009) zum Buch „Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935 – Bericht der Internationalen Roten Hilfe aus dem Jahr 1935″. Das Buch ist im Verlag Olga Benario und Herbert Baum erschienen und kann unter www.verlag-benario-baum.de bestellt werden. Es ist sehr dankenswert, daß der Offenbacher Verlag das IRH-Dokument neu herausgebracht hat. Für alle, die an der Geschichte der Roten Hilfe interessiert sind, quasi Pflichtlektüre.

In der Reihe „Rote Hefte“ des Verlages erschien vor wenigen Wochen auch eine Kurzversion des Buches als Heft Nr. 27. Darin enthalten das Vorwort des AutorInnenkollektivs und der Eingangstext von Helene Stassowa. Das Heft könnt ihr beim Verlag, aber auch bei unserer Ortsgruppe für 1 EUR erwerben.


„Wer eine Aenderung der Regierungsform anstrebt, kann mit dem Tode bestraft werden“

Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935

„Es gibt gute Gründe, die Tradition der Internationalen Roten Hilfe zu studieren und aufrecht zu erhalten“: Mit diesen Worten schließt der Verlag Olga Benario und Herbert Baum die Einleitung zum kürzlich erschienenen Faksimile eines der vielleicht interessantesten Bücher der IRH. Ursprünglich 1935 in Paris erschienen, wirft „Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935“ nicht nur ein helles Licht auf Umfang und Formen staatlicher Repression (das Exekutivkomitee der IRH spricht in seinem Vorwort von Bestialität – nicht umsonst, wie die Lektüre aufzeigen wird) in dieser Zeit und in Ländern, die uns bei der Beschäftigung mit der RH-Historie kaum einfallen würden. Vor allem zeigt der Band auch die beeindruckende Arbeit der Rote Hilfe, den Kampf gegen Faschismus, Gewaltherrschaft und bürgerliche Reaktion. Und – nicht weniger interessant – der Leser erfährt Einiges über das Selbstverständnis der IRH. Denn auch wenn sie oder die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) den strömungsübergreifenden Ansatz nicht so offiziell formulierten wie es die Rote Hilfe e.V. heute tut: Die Rote Hilfe der 20er und 30er Jahre war durchaus kein reines Anhängsel Moskaus und bei Weitem nicht nur für parteitreue Kommunisten zuständig, wie gelegentlich unterstellt wird.

Sicher, eine gewisse Nähe zur KPdSU und der anderen kommunistischen Parteien lässt sich nicht leugnen. Das zeigt sich schon im ersten Kapitel des Sammelbandes, geschrieben von Jelena Stassowa, seinerzeit Vorsitzende des Zentralkomitees der IRH und zugleich stellvertretende Vorsitzende ihres Exekutivkomitees: „Die Idee einer solchen Organisation wurde von den alten Bolschewiki der Sowjetunion und den ehemaligen politischen Zuchthausgefangenen und Verbannten aufgegriffen und sie begannen sie zu verwirklichen. Felix Dzierzynski war der erste, der diesen Gedanken im Kreise der ehemaligen politischen Zuchthausgefangenen formulierte“, schreibt sie. Doch die Wurzeln der Idee gehen tiefer. Mit dem Beschluss zur Gründung der IRH handelte der IV. Kongress der Komintern 1922 „im Geiste der besten Traditionen der I. Internationale“, führt die Stassowa aus. „Bekanntlich war Karl Marx der erste Organisator der Hilfe für die Opfer des bürgerlichen Terrors.“ Marx immerhin gehörte – wie auch Friedrich Engels – dem 1848 in London gegründeten „Komitee zur Unterstützung der deutschen politischen Emigranten“ an.

Schon Marx verpflichtete auf strömungsübergreifende Solidarität

„Es ist äußerst wichtig hervorzuheben, daß dieser Vorläufer der gegenwärtigen Organisation zur Unterstützung revolutionärer Kämpfer die grundlegende prinzipielle Linie für die heutige Rote-Hilfe-Bewegung gegeben hat“, schreibt die Stassowa. „Marx kämpfte vor allem entschieden gegen die Umwandlung der Unterstützungsaktion für die politischen Emigranten in irgendein philantropisches und bürgerliches Wohltätigkeitsunternehmen. Er unterstrich ausdrücklich den revolutionären Klassencharakter der Hilfsorganisation, und grenzte sich entschieden von den verschiedenen bürgerlichen Organisationen zur Unterstützung der England geflüchteten deutschen Revolutionäre ab.“ Und: „Das von Marx geleitete Komitee rief weiter dazu auf, den politischen Emigranten ohne Rücksicht auf ihre politische Einstellung Unterstützung zu gewähren und sprach sich scharf gegen die bürgerlichen Spalter der Unterstützungsaktion aus, die die verleumderische Nachricht verbreiteten, daß das von Marx geleitete Komitee angeblich nur Kommunisten unterstützte“ – schon hier findet sich der strömungsübergreifende Ansatz, den auch die sowjetischen Funktionäre kannten und als wichtig erachteten. Auf diesen ließ sich freilich kaum verzichten, wurde die IRH doch von der Komintern als eines der wichtigsten Werkzeuge ihrer Einheitsfrontpolitik betrachtet.

Eine Politik, die sich zwar auch an Mitglieder der SPD richten mochte, nicht aber an die Partei selbst. Im Kapitel „Vom Nosketerror zum Hitlerfaschismus“ zieht Wilhelm Pieck, seit 1925 Vorsitzender der RHD und später erster und einziger Präsident der DDR, eine Linie vom Verrat der Sozialdemokratie an der Revolution 1918 hin zur Machtübertragung an die deutschen Faschisten 1933. Den tausendfachen Mord an revolutionären Arbeitern durch die SPD-Regierung, unter anderem nach dem Kapp-Putsch im Ruhrgebiet sowie in Sachsen und Thüringen, die Verbindungen mit der „Schwarzen Reichswehr“, Verbot des Roten Frontkämpferbundes, Fememorde und „Republikschutzgesetz“ (1922) – vor allem (aber nicht nur) in der ersten Hälfte der 1920er Jahre verriet, verfolgte und ermordete die SPD mittelbar oder unmittelbar ihre eigene Klientel. „Auf Grund des Republikschutzgesetzes wurden weit über 15.000 Anklagen gegen linksgerichtete Arbeiter erhoben und annähernd 10.000 Jahre Freiheitsstrafen verhängt“, rechnet Pieck auf. „Dieses Ausnahmegesetz der Weimarer Republik brachte in einem kurzen Zeitraum zehnmal soviel Strafen als das Sozialistengesetz Bismarcks, auf Grund dessen nur etwa 1000 Jahre Kerkerstrafe im Laufe von zwölf Jahren ausgesprochen wurden.“

„Das darf nicht dazu führen, daß die scharfe Anwendung der Schußwaffe unterbleibt.“

Doch der weiße Terror beschränkte sich nicht nur auf die 20er. Pieck zitiert Carl Severing, der abwechselnd SPD-Polizeiminister in Preußen und im Reich war. Auf einer Polizeitagung im Oktober 1930 erklärte der Minister: „Polizeiknüppel und härtere Waffen dürfen in diesem Winter nicht aus dem Dienst gestellt werden, um unruhige Volkshaufen in Schach zu halten.“ Und am 2. Juli 1932 gab Severing einen richtiggehenden Schießbefehl heraus: „Wenn ein früherer Erlaß die Abgabe von Schreckschüssen für zulässig erklärt, so darf das nicht dazu führen, daß nur noch Schreckschüsse abgegeben werden und die scharfe Anwendung der Schußwaffe unterbleibt.“ Entsprechend sah die Totenliste aus: Im Jahr 1930 zählte die RHD 36 durch die Polizei getötete Arbeiter, weitere 41 wurden durch die Faschisten ermordet. 1931 wurden 55 (Polizei) bzw. 49 (SA etc.) linke Arbeiter ermordet, 1932 gab es 81 bzw. 139 Todesopfer zu beklagen. Für das erste Quartal 1933, in dem auch die RHD von der Hitler-Regierung verboten wurde, werden noch 24 Tote durch Polizeigewalt aufgeführt – allein 13 wurden am 25. Januar in Dresden in einem verschlossenen Lokal von der Polizei erschossen. „Auch hier zeigt sich der organische Prozess, in dem sich der Faschismus aus der bürgerlichen Demokratie und der faschistische Terror aus dem Terror der sozialdemokratischen Polizeipräsidenten entwickelt“, so Pieck.

Ähnlich blutig ging es auch in Österreich zu („Der Terror des Kleriko-Faschimus in Österreich“), wo revolutionäre Arbeiter zu Tausenden ermordet, abgeschoben oder wegen Vergehen wie „literarischem Hochverat“ ins Verlies geworfen wurden. (A propos „literarischer Hochverrat“: Das so genannte „Denglisch“ ist keine Erfindung der letzten Zeit – im Buch ist von „Meetings“ und „ausgepowerten Arbeitern“ die Rede.) Je schärfer der Kampf, desto absurder die Urteile: „Am 15. Januar (1935, d. R.) wurden 4 Frauen aus Gloggnitz, die ihre in der Strafanstalt Karlau inhaftierten Männer besuchten, wegen des Tragens roter Pullmannmützen zu je 4 Wochen Arrest verurteilt.“ Wie auch in allen anderen Kapiteln findet sich auch hier eine informative statistische Aufstellung der Opfer der Reaktion. So wurden allein in Wien nach Angaben der dortigen Polizeidirektion in der Zeit vom 15. März 1933 bis zum 31. Dezember des Folgejahres 12.270 Sozialisten und 6.770 Kommunisten wegen „staatsfeindlicher Umtriebe“ verhaftet. In der selben Zeit wurden rund 50.000 Hausdurchsuchungen gegen linke Arbeiter vorgenommen.

Zwangssterilisierung und Konzentrationslager in Finnland

Dass sich trotz wachsenden weißen Terrors Widerstand und Solidarität nicht zerschlagen ließen, wird beispielhaft im Kapitel zu Italien dargestellt. Hier wuchs die Zahl der Mitglieder der Roten Hilfe trotz (oder gerade wegen) des Faschismus‘ auf 125.000 kurz vor ihrem Verbot 1926. Im Jahr 1929 zählte die Organisation immer noch 15.000 zahlende Mitglieder. Doch auch an Selbstkritik wird im Buch nicht gespart: „Gegen die Polizeikontrolle, unter der Zehntausende von Revolutionären zu leiden haben, hat die Rote Hilfe Italiens noch keinen genügenden Kampf geführt.“

Ebenfalls ausführlich widmet sich das Buch Repression und Antirepressionsarbeit in den Ländern des Balkans und des Baltikums (Konzentrationslager, Zwangssterilisierung und Militäreinsätze in Finnland) ebenso wie in Polen oder Spanien. Dann geht der revolutionäre Blick in Gegenden, aus denen hierzulande im Allgmeinen kaum etwas über den weißen Terror und die Arbeit (oder gar Existenz) der Roten Hilfe bekannt ist. Doch immerhin hatte die Organisation im Jahre 1927 Sektionen in 44 Ländern. So wie beispielsweise in Japan. Kaum vorstellbar die Lage der Arbeiter (und vor allem der zahlreichen Arbeiterinnen): Grausamste Züchtigungen für geringste Vergehen, Mordanschläge auf Arbeiter- oder Jugendführer, Arbeitssklaverei und Hungersnöte sowohl in Japan selbst als auch in seinen Kolonien wie Formosa und Korea, dazu regelrechte Ausrottungsaktionen in den besetzten Gebieten – mit erschreckender Anschaulichkeit wird dem Leser „Der Terror des japanischen Imperialismus“, so der Titel des Abschnitts, vor Augen geführt. Zugleich radikalisierte sich dem Autor zufolge mit jedem Schlag gegen die KP, mit jedem Pogrom gegen Ausländer „wegen Einschleppung kommunistischer Ideen“ die Bewegung.

Immer härter wurden auch die Schläge der Herrschenden: 1925 wurde das „Gesetz zur Aufrechterhaltung des Friedens“ erlassen, „das grausame Strafen für alle vorsah, die eine Aenderung des herrschenden Gesellschaftssystems herbeizuführen suchen“, drei Jahre später wurde die Rote Hilfe Japans verboten. Darauf folgte das „Gesetz gegen die gefährlichen Gedanken“, das Haftstrafen bis zu zehn Jahren vorsah. Dazu zitiert der Autor aus dem „Völkischen Beobachter“ vom 26. November 1934: „Im großen und ganzen konnte man mit Massenverhaftungen – es handelt sich um Zahlen bis zu 600 pro Tag und 50.000 im Jahr – der Ausbreitung der gefährlichen Gedanken nicht Herr werden.“ Logische Konsequenz der nächste Schlag, das „Staatsschutzgesetz zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit“ 1935: „Wer eine Organisation schafft oder leitet, die eine Aenderung der Regierungsform anstrebt, kann mit dem Tode bestraft werden.“ Allein die Teilnahme an einer Organisation, „die das Privateigentum ablehnt, (kann) mit Gefängnis bis zu zehn Jahren bestraft werden“ – hier drängt sich der Vergleich mit dem bundesdeutschen Paragraphen 129a geradezu auf.

Gegen die Revolution waren sich alle Staaten einig

Unter den Bedingungen des Kolonialismus, vor allem des britischen und amerikanischen, arbeitete die Rote Hilfe unter anderem in den Ländern Südamerikas und der Karibik, denen ebenfalls ein Kapitel gewidmet ist. Doch die Kolonialmächte holten nicht nur heraus, sie exportierten auch in die kolonialen oder halbkolonialen Gebiete – nämlich die Konterrevolution. So wurde ein russischer Weißgardist zum Leiter der Anti-Kommunismus-Polizei in Argentinien gemacht. Auch grenzüberschreitend waren die Staaten – bei allen sonstigen Animositäten – aktiv, wenn es nur gegen die Revolution ging: „Im April 1934 unterzeichneten die zentralamerikanischen Regierungen von Guatemala, Costa Rica, Panama, El Salvador und Nicarague ein Abkommen, das die gemeinsame Verfolgung der revolutionären Organisationen und ihrer Mitglieder vorsieht“, schreibt M. Castillo. Darin heißt es: „Im Fall von Rebellion oder Anarchie müssen die Polizeikräfte aller zentralamerikanischen Nationen gemeinsam an der Wiederherstellung der Ordnung arbeiten.“

Hier wie auch in den anderen angeführten Kolonien (dem Maghreb, Syrien, Ägypten, Niederländisch-Indien, Indochina und Indien, Südafrika) galt: „Die Herrschaft der Imperialisten stützt sich auch auf die feudalen Gutsbesitzer und auf die einheimische Bourgeoisie der kolonialen Länder.“ Eine Bourgeoisie, die zwar teilweise einen nationalen Befreiungskampf führte, dem sozialen allerdings entgegenwirkte. So heißt es über Ghandi, dass er und sein indischer Nationalkongress „den passiven Widerstand gegen die Engländer verkünden, die Rückkehr zu den reaktionären Lebensformen des Feudalismus predigen, die Gewaltlosigkeit und die Respektierung des Privateigentums propagieren“.

Über die Gefängnisregime in diesen kolonialen wie in den anderen Staaten wird im Buch ausführlich berichtet, ebenso über die Gegenaktivitäten der Roten Hilfe. Immer wieder wird auf Freilassungen nach IRH-Kampagnen verwiesen. Schlagkräftige Kampagnen, die nach Cara Zetkin (1932) vor allem einen Grund hatten: „Die alten Formen der internationalen Solidarität führten zur Zersplitterung, zur Schwächung der Hilfe selbst. Die Kräfte, die der internationalen Solidarität zugrunde lagen, bedurften des internationalen Zusammenschlusses und der Leitung, der festen Zentralisation. Die Gründung einer weltumfassenden Massenhilfsorganisation für all jene, die sich in den Ketten der Bourgeoisie befinden, ist zum Gebot der Stunde geworden.“


Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935 – Bericht der Internationalen Roten Hilfe aus dem Jahr 1935, 312 S., m. Abbildungen, Verlag Olga Benario und Herbert Baum, Offenbach 2008, ISBN: 3-86589-065-8, 18 Euro