Statement der Gruppe Soli für ToNi zur Repression gegen AntimilitaristInnen in Rostock

Am 14.11.2009 findet in Rostock eine überregionale Antirepressionsdemonstration statt. Startpunkt der Demonstration ist 14:00 vor dem Hauptbahnhof.
Aktuelle Informationen zur Demonstration findet ihr hier.
In den kommenden Tagen werden wir euch über anstehende Mobilisierungsveranstaltungen und die gemeinsame Anreise nach Rostock informieren.

Um die Repression in Rostock in Folge des NATO-Gipfels vom April 2009 näher zu beleuchten, dokumentieren wir ein aktuelles Statement der Solidaritätsgruppe Soli für ToNi.

Wir fordern:

Schluß mit der Verfolgung antimilitaristischen Protestes!
Freiheit für die beiden in Frankreich inhaftierten Rostocker!
Auf zur Antirepressionsdemo in Rostock!

State­ment zur Re­pres­si­on in Ros­tock

Im fol­gen­den die von der Ros­to­cker Grup­pe So­li-​für-​To­Ni ge­mach­te Ein­schät­zung und Chro­no­lo­gie der Re­pres­si­ons­er­eig­nis­se der letz­ten Wo­chen in Ros­tock gegen Teil­neh­me­rIn­nen der NATO-​Gip­fel­pro­tes­te in Stras­bourg. Trotz Ver­hö­ren bei der Staats­an­walt­schaft, Ver­hän­gung von Straf­gel­dern, Beu­ge­haft­an­dro­hung und Haus­durch­su­chung: Wir las­sen uns nicht ein­schüch­tern, weder im Wi­der­stand gegen die Re­pres­si­on noch im Kampf gegen die NATO.

Im April 2009 tra­fen sich die Staats-​ und Re­gie­rungs­chefs der NATO in Ba­den-​Ba­den und Stras­bourg, um den 60.​ Geburts­tag der NATO zu fei­ern. 60 Jahre mi­li­tä­ri­sche Ab­si­che­rung einer ka­pi­ta­lis­ti­schen Elite, 40 Jahre kalte und über 20 Jahre heiße Krie­ge sind kein Grund zum Fei­ern, son­dern ein Grund, die­ses Nord­at­lan­ti­sche (Kriegs)Bünd­nis und die sie tra­gen­den Ge­sell­schafts­ord­nun­gen zu zer­schla­gen.
Wir sehen mit Ge­nug­tu­ung, dass viele Men­schen sich nicht wei­ter ver­blen­den las­sen wol­len von Be­grif­fen wie chir­ur­gi­scher Ein­grif­fe, hu­ma­ni­tä­rer Hilfs­leis­tun­gen, Ein­füh­rung von de­mo­kra­ti­schen Nor­men, die letzt­end­lich nur mehr Ter­ror und Tod bis in die ent­le­gens­ten Win­kel der Welt bringt.
Wir sehen einen Auf­schwung an­ti­mi­li­ta­ris­ti­schen Han­delns. Selbst in Deutsch­land ver­geht kaum eine Woche ohne di­rek­te Ak­tio­nen gegen Mi­li­tär­ein­rich­tun­gen, ge­tra­gen von der Über­zeu­gung, dass nur ein un­schäd­lich ge­mach­ter Pan­zer ein wirk­li­cher Schritt zu einer fried­li­che­ren Ge­sell­schaft ist.
Der sich re­gen­de Wi­der­stand ist noch über­schau­bar. Aber of­fen­sicht­lich haben die Herr­schen­den Angst vor der De­le­gi­ti­ma­ti­on der NATO, vor ihrer Be­nen­nung als Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on, vor dem di­rek­ten An­spre­chen von Sol­da­ten auf ihren mör­de­ri­schen Job in Kom­bi­na­ti­on mit di­rek­ten, so­wohl of­fe­nen als auch klan­des­ti­nen Ak­tio­nen. Es jagt ihnen Angst ein, dass ein of­fe­nes An­ma­len von Mi­litär­ma­te­ri­al in zar­tem Rosa und das selbst­be­wuss­te Ab­schrau­ben von Mi­litär­ma­te­ri­al, wie z. B. bei Bom­ben­ab­wurf­si­mu­la­ti­ons­ein­rich­tun­gen, Schu­le ma­chen könne.
Dass das im Hin­ter­land ex­trem leicht ver­wund­ba­re Mi­li­tär mit ein wenig Zi­vil­cou­ra­ge lahm ge­legt wer­den kann, wis­sen die Ver­ant­wort­li­chen bei der NATO, bei der Po­li­zei und in den In­nen­mi­nis­te­ri­en. Die an­ti­mi­li­ta­ris­ti­sche De­mons­tra­ti­on in Stras­bourg gegen die Ge­burts­tags­fei­er der NATO muss­te um jeden Preis ver­hin­dert wer­den. Ein­mal, um das unter viel Schwie­rig­kei­ten kon­stru­ier­te Bünd­nis aus Frie­dens­be­we­gung und an­ti­mi­li­ta­ris­ti­scher Be­we­gung zu spal­ten und um der De­le­gi­ti­ma­ti­on der NATO zu be­geg­nen.
Schon früh war die Stra­te­gie der Po­li­zei zu er­ken­nen, die Stadt in einen Aus­nah­me­zu­stand zu ver­set­zen, um mit her­bei­ge­re­de­ten Ge­walt­tä­tig­kei­ten eine De­mo­rou­te fern­ab des Gip­fels zu recht­fer­ti­gen und sie in einer Orgie der Po­li­zei­ge­walt enden zu las­sen, was dann auch pas­sier­te. Gen­dar­me­rie und Stahl­to­re ver­sperr­ten die Stra­ßen, trie­ben die Men­schen aus­ein­an­der, Spe­zi­al­ein­hei­ten be­kämpf­ten mit Reiz­gas, Schock­gra­na­ten und Was­ser­wer­fern die De­mons­trie­ren­den. An­rei­sen­de aus Deutsch­land wur­den un­zäh­li­gen Po­li­zei­kon­trol­len aus­ge­setzt und dann doch nicht zur Demo über die Eu­ro­pa­brü­cke nach Frank­reich ge­las­sen.
Auch aus Ros­tock hatte ein Bus mit An­ti­kriegs­ak­ti­vis­tin­nen und An­ti­kriegs­ak­ti­vis­ten ver­sucht, an den Pro­tes­ten gegen den NA­TO-​Gip­fel teil­zu­neh­men. Unter der fa­den­schei­ni­gen Be­grün­dung, dass gegen 2 der Bus­rei­sen­den von fran­zö­si­schen Er­mitt­lungs­be­hör­den straf­recht­lich er­mit­telt wird, ge­riet nun die kom­plet­te Bus­be­sat­zung ins Vi­sier der Er­mitt­lungs­be­hör­den. Die Ros­to­cker Staats­an­walt­schaft stell­te sie unter den Ge­ne­ral­ver­dacht einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung, die das Ziel ge­habt hät­ten, Stras­bourg in „Schutt und Asche“ zu legen.
Was auch immer die Mo­ti­va­ti­on der Ros­to­cker Staats­an­walt­schaft und der Po­li­zei ist, ob dies vor dem Hin­ter­grund des zu­neh­men­den Un­muts gegen die Aus­lands­ein­sät­ze der Bun­des­wehr ge­schieht oder vor dem Hin­ter­grund der Selbst­ver­wirk­li­chung ein­zel­ner Re­prä­sen­tan­ten im Jus­tiz­ap­pa­rat oder vor dem Hin­ter­grund einer zu­neh­mend selbst­be­wuss­ter agie­ren­den Ros­to­cker lin­ken Szene, die aus­ge­leuch­tet wer­den soll – es wird ihnen nicht ge­lin­gen, den Pro­test zu dis­kri­mi­nie­ren und für die Zu­kunft von wei­te­rem kri­ti­schen En­ga­ge­ment ab­zu­schre­cken.

Chro­no­lo­gie der Ge­scheh­nis­se um Zeu­gen­vor­la­dun­gen, Haus­durch­su­chung Zwangs­geld­fest­set­zun­gen gegen Ros­to­cker Ak­ti­vis­tIn­nen an­läß­lich eines Straf­ver­fah­rens gegen 2 im Stras­bour­ger Knast ein­sit­zen­de Ros­to­cker Ge­fan­ge­ne

Im Juli und Au­gust kam es bei meh­re­ren Ros­to­cke­rIn­nen zu Vor­la­dun­gen und einer Haus­durch­su­chung. Sie wer­den vor­der­grün­dig als Zeu­gIn­nen im Er­mitt­lungs­ver­fah­ren zu dem Brand des Zoll­häus­chens in Stras­bourg ge­führt. Of­fen­sicht­lich ver­sucht je­doch die Staats­an­walt­schaft Rostock eine kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung von Men­schen in Ros­tock her­bei­zu­de­fi­nie­ren, die da­mals ge­mein­sam in einem Bus nach Straß­bourg ge­fah­ren sind, um an den Pro­test­ak­tio­nen teil­zunehmen.
Was ist pas­siert: Be­reits zwei Tage nach der Ver­haf­tung der bei­den Ros­to­cker in Straß­bourg (4.​4.​2009), gab es bei den El­tern des einen eine Haus­durch­su­chung. Nach Mit­tei­lung der Staats­an­walt­schaft Ros­tock kam diese Durch­su­chung auf­grund eines Hil­fe­er­suchs der fran­zö­si­schen Er­mitt­lungs­be­hör­den zu­stan­de. Wie sich jetzt her­aus­ge­stell­te, hat Ober­staats­an­walt Lü­cke­mann mitt­ler­wei­le ein ei­gen­stän­di­ges, bei der Staats­an­walt­schaft Ros­tock an­ge­sie­del­tes Er­mitt­lungs­ver­fah­ren gegen die bei­den Ros­to­cker ein­ge­lei­tet. Haupt­tä­tig­keit die­ses Ver­fah­rens ist das Sam­meln von In­for­ma­tio­nen über die wei­te­ren im Bus mit­rei­sen­den Per­so­nen. Da man auf­grund von Po­li­zei­kon­trol­len wäh­rend des Gip­fels von ei­ni­gen Per­so­nen be­reits Namen hatte, gab es min­des­tens 4 Zeu­gen­vor­la­dun­gen zum Staats­schutz. Unter ihnen der Bus­fah­rer und die Or­ga­ni­sa­to­rin des Bus­rei­se.
Wäh­rend zwei Zeu­gen unter Be­ru­fung auf ihr Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rungs­recht nicht zur Vor­la­dung er­schie­nen, stell­te sich die Or­ga­ni­sa­to­rin der Bus­rei­se im Bei­sein ihrer An­wäl­tin den Fra­gen. Im Zuge eines fünf­stün­di­gen Ver­hö­res wurde die ge­sam­te An­rei­se de­tail­liert hin­ter­fragt, so z.B. nach der Stim­mung im Bus, wer neben wem saß, wel­che Ge­sprächs­the­men im Bus lie­fen, wo Zwi­schen­sta­tio­nen ge­macht wur­den, ob Teil­neh­me­rIn­nen der De­mons­tra­ti­on über das Ge­sche­he­ne dis­ku­tier­ten, ob sie ver­brann­te oder nach Gas rie­chen­de Klei­dung tru­gen… Zu den meis­ten die­ser Fra­gen konn­te die Zeu­gin keine Ant­wort geben. Die für die Po­li­zei wohl zen­trals­te Frage nach der Na­mens­lis­te der Mit­rei­sen­den woll­te die Zeu­gin nicht be­ant­wor­ten. Dar­auf­hin kün­dig­te die Po­li­zei, nach einem zwi­schen­zeit­lich ge­führ­ten Te­le­fo­nat mit der Staats­an­walt­schaft, eine staats­an­walt­schaft­li­che Ver­neh­mung an. Die Zeu­gin hatte den Ein­druck, dass die Po­li­zei von einer or­ga­ni­sier­ten Grup­pe in Ros­tock aus­geht, die sich dar­auf vo­er­be­rei­te­te, Stras­bourg in “Schutt und Asche” zu legen und schwer­be­waff­net an die­ser Bus­rei­se teil­nahm. Der Bus­fah­rer er­schien zur Ver­neh­mung und mach­te Aus­sa­gen.
So­wohl die Or­ga­ni­sa­to­rin des Bus­ses als auch die bei­den nicht beim Staats­schutz er­schie­ne­nen Zeu­gen er­hiel­ten Vor­la­dun­gen zur Staats­an­walt­schaft. Alle drei gin­gen mit an­wält­li­cher Be­glei­tung zur Ver­neh­mung. Ein Zeuge ver­wei­ger­te mit Be­ru­fung auf §55 StPO die Aus­sa­ge. Die­ses wurde von der Staats­an­walt­schaft ab­ge­lehnt. Auf An­trag der Staats­an­walt­schaft wurde dem Zeu­gen vom Amts­ge­richt ein Zwangs­geld in Höhe von 300 Euro auf­er­legt. Da­ge­gen legte er un­mit­tel­bar Wi­der­spruch ein. Der an­de­re Zeuge ließ sich die Fra­gen vor­tra­gen und be­ant­wor­te­te diese. Zu der ent­schei­de­nen Frage der Staats­an­walt­schaft nach den Namen an­de­rer Mit­rei­sen­der konn­te er nur den Namen sei­nes Sitz­nach­barn nen­nen, der je­doch iden­tisch ist mit dem an­de­ren Zeu­gen. Gegen die­sen Zeu­gen wurde kein Zwangs­geld er­ho­ben.
Die Or­ga­ni­sa­to­rin der Bus­fahrt ließ sich, nach­dem ihre auf § 55 StPO ge­stütz­te ge­ne­rel­le Wei­ge­rung, aus­zu­sa­gen, von der Staats­an­walt­schaft nicht ak­zep­tiert wurde, die Fra­gen vor­tra­gen, be­riet sich dann mit ihrer An­wäl­tin. Das Ver­hör soll­te sich aus­schließ­lich um die Nen­nung der Namen der Mit­rei­sen­den dre­hen. Weil die Zeu­gin keine Namen nen­nen woll­te, wurde ein Zwangs­geld in Höhe von 500 Euro be­stimmt. Im üb­ri­gen äu­ßer­te sich die Staats­an­walt­schaft wäh­rend der Ver­neh­mung da­hin­ge­hend, das sie sich vor­be­hält, ein Ver­fah­ren wegen Straf­ver­ei­te­lung gegen die Zeu­gin ein­zu­lei­ten. Gleich­zei­tig mit der Fest­set­zung des Zwangs­gel­des wurde vom Amts­ge­richt ein Durch­su­chungs­be­schluss ihrer Pri­vat­woh­nung er­las­sen, mit dem Ziel, die Na­mens­lis­te zu fin­den. Fünf Po­li­zei­be­am­te fuh­ren au­gen­blick­lich mit ihr und der An­wäl­tin zu ihrer Woh­nung und durch­such­te diese. Weder der An­wäl­tin noch der Zeu­gin selbst wurde die An­we­sen­heit wäh­rend der Durch­su­chung er­laubt. Die Zeu­gin konn­te hören, wie Fotos ge­macht wur­den. Ihr Com­pu­ter wurde be­schlag­nahmt. Der Zeu­gin wurde Beu­ge­haft an­ge­droht, wenn es nicht ge­län­ge, die Liste zu fin­den.
Gegen alle Maß­nah­men wurde Wi­der­spruch ein­ge­legt. Nach we­ni­gen Tagen wurde der Com­pu­ter wie­der her­aus­ge­ge­ben. Die Po­li­zei teil­te mit, daß Sie dort eine Blan­ko­lis­te ge­fun­den hätte, auf der die Mit­rei­sen­den ein­ge­tra­gen wer­den konn­ten. Namen von Mit­rei­sen­den habe sie of­fen­sicht­lich nicht fin­den kön­nen. Ende Au­gust wurde vom Land­ge­richt der Wi­der­spruch der Or­ga­ni­sa­to­rin gegen das Zwangs­geld ab­ge­wie­sen.