Archiv für November 2009

Statement der Gruppe Soli für ToNi zur Repression gegen AntimilitaristInnen in Rostock

Am 14.11.2009 findet in Rostock eine überregionale Antirepressionsdemonstration statt. Startpunkt der Demonstration ist 14:00 vor dem Hauptbahnhof.
Aktuelle Informationen zur Demonstration findet ihr hier.
In den kommenden Tagen werden wir euch über anstehende Mobilisierungsveranstaltungen und die gemeinsame Anreise nach Rostock informieren.

Um die Repression in Rostock in Folge des NATO-Gipfels vom April 2009 näher zu beleuchten, dokumentieren wir ein aktuelles Statement der Solidaritätsgruppe Soli für ToNi.

Wir fordern:

Schluß mit der Verfolgung antimilitaristischen Protestes!
Freiheit für die beiden in Frankreich inhaftierten Rostocker!
Auf zur Antirepressionsdemo in Rostock!

State­ment zur Re­pres­si­on in Ros­tock

Im fol­gen­den die von der Ros­to­cker Grup­pe So­li-​für-​To­Ni ge­mach­te Ein­schät­zung und Chro­no­lo­gie der Re­pres­si­ons­er­eig­nis­se der letz­ten Wo­chen in Ros­tock gegen Teil­neh­me­rIn­nen der NATO-​Gip­fel­pro­tes­te in Stras­bourg. Trotz Ver­hö­ren bei der Staats­an­walt­schaft, Ver­hän­gung von Straf­gel­dern, Beu­ge­haft­an­dro­hung und Haus­durch­su­chung: Wir las­sen uns nicht ein­schüch­tern, weder im Wi­der­stand gegen die Re­pres­si­on noch im Kampf gegen die NATO.

Im April 2009 tra­fen sich die Staats-​ und Re­gie­rungs­chefs der NATO in Ba­den-​Ba­den und Stras­bourg, um den 60.​ Geburts­tag der NATO zu fei­ern. 60 Jahre mi­li­tä­ri­sche Ab­si­che­rung einer ka­pi­ta­lis­ti­schen Elite, 40 Jahre kalte und über 20 Jahre heiße Krie­ge sind kein Grund zum Fei­ern, son­dern ein Grund, die­ses Nord­at­lan­ti­sche (Kriegs)Bünd­nis und die sie tra­gen­den Ge­sell­schafts­ord­nun­gen zu zer­schla­gen.
Wir sehen mit Ge­nug­tu­ung, dass viele Men­schen sich nicht wei­ter ver­blen­den las­sen wol­len von Be­grif­fen wie chir­ur­gi­scher Ein­grif­fe, hu­ma­ni­tä­rer Hilfs­leis­tun­gen, Ein­füh­rung von de­mo­kra­ti­schen Nor­men, die letzt­end­lich nur mehr Ter­ror und Tod bis in die ent­le­gens­ten Win­kel der Welt bringt.
Wir sehen einen Auf­schwung an­ti­mi­li­ta­ris­ti­schen Han­delns. Selbst in Deutsch­land ver­geht kaum eine Woche ohne di­rek­te Ak­tio­nen gegen Mi­li­tär­ein­rich­tun­gen, ge­tra­gen von der Über­zeu­gung, dass nur ein un­schäd­lich ge­mach­ter Pan­zer ein wirk­li­cher Schritt zu einer fried­li­che­ren Ge­sell­schaft ist.
Der sich re­gen­de Wi­der­stand ist noch über­schau­bar. Aber of­fen­sicht­lich haben die Herr­schen­den Angst vor der De­le­gi­ti­ma­ti­on der NATO, vor ihrer Be­nen­nung als Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on, vor dem di­rek­ten An­spre­chen von Sol­da­ten auf ihren mör­de­ri­schen Job in Kom­bi­na­ti­on mit di­rek­ten, so­wohl of­fe­nen als auch klan­des­ti­nen Ak­tio­nen. Es jagt ihnen Angst ein, dass ein of­fe­nes An­ma­len von Mi­litär­ma­te­ri­al in zar­tem Rosa und das selbst­be­wuss­te Ab­schrau­ben von Mi­litär­ma­te­ri­al, wie z. B. bei Bom­ben­ab­wurf­si­mu­la­ti­ons­ein­rich­tun­gen, Schu­le ma­chen könne.
Dass das im Hin­ter­land ex­trem leicht ver­wund­ba­re Mi­li­tär mit ein wenig Zi­vil­cou­ra­ge lahm ge­legt wer­den kann, wis­sen die Ver­ant­wort­li­chen bei der NATO, bei der Po­li­zei und in den In­nen­mi­nis­te­ri­en. Die an­ti­mi­li­ta­ris­ti­sche De­mons­tra­ti­on in Stras­bourg gegen die Ge­burts­tags­fei­er der NATO muss­te um jeden Preis ver­hin­dert wer­den. Ein­mal, um das unter viel Schwie­rig­kei­ten kon­stru­ier­te Bünd­nis aus Frie­dens­be­we­gung und an­ti­mi­li­ta­ris­ti­scher Be­we­gung zu spal­ten und um der De­le­gi­ti­ma­ti­on der NATO zu be­geg­nen.
Schon früh war die Stra­te­gie der Po­li­zei zu er­ken­nen, die Stadt in einen Aus­nah­me­zu­stand zu ver­set­zen, um mit her­bei­ge­re­de­ten Ge­walt­tä­tig­kei­ten eine De­mo­rou­te fern­ab des Gip­fels zu recht­fer­ti­gen und sie in einer Orgie der Po­li­zei­ge­walt enden zu las­sen, was dann auch pas­sier­te. Gen­dar­me­rie und Stahl­to­re ver­sperr­ten die Stra­ßen, trie­ben die Men­schen aus­ein­an­der, Spe­zi­al­ein­hei­ten be­kämpf­ten mit Reiz­gas, Schock­gra­na­ten und Was­ser­wer­fern die De­mons­trie­ren­den. An­rei­sen­de aus Deutsch­land wur­den un­zäh­li­gen Po­li­zei­kon­trol­len aus­ge­setzt und dann doch nicht zur Demo über die Eu­ro­pa­brü­cke nach Frank­reich ge­las­sen.
Auch aus Ros­tock hatte ein Bus mit An­ti­kriegs­ak­ti­vis­tin­nen und An­ti­kriegs­ak­ti­vis­ten ver­sucht, an den Pro­tes­ten gegen den NA­TO-​Gip­fel teil­zu­neh­men. Unter der fa­den­schei­ni­gen Be­grün­dung, dass gegen 2 der Bus­rei­sen­den von fran­zö­si­schen Er­mitt­lungs­be­hör­den straf­recht­lich er­mit­telt wird, ge­riet nun die kom­plet­te Bus­be­sat­zung ins Vi­sier der Er­mitt­lungs­be­hör­den. Die Ros­to­cker Staats­an­walt­schaft stell­te sie unter den Ge­ne­ral­ver­dacht einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung, die das Ziel ge­habt hät­ten, Stras­bourg in „Schutt und Asche“ zu legen.
Was auch immer die Mo­ti­va­ti­on der Ros­to­cker Staats­an­walt­schaft und der Po­li­zei ist, ob dies vor dem Hin­ter­grund des zu­neh­men­den Un­muts gegen die Aus­lands­ein­sät­ze der Bun­des­wehr ge­schieht oder vor dem Hin­ter­grund der Selbst­ver­wirk­li­chung ein­zel­ner Re­prä­sen­tan­ten im Jus­tiz­ap­pa­rat oder vor dem Hin­ter­grund einer zu­neh­mend selbst­be­wuss­ter agie­ren­den Ros­to­cker lin­ken Szene, die aus­ge­leuch­tet wer­den soll – es wird ihnen nicht ge­lin­gen, den Pro­test zu dis­kri­mi­nie­ren und für die Zu­kunft von wei­te­rem kri­ti­schen En­ga­ge­ment ab­zu­schre­cken.

Chro­no­lo­gie der Ge­scheh­nis­se um Zeu­gen­vor­la­dun­gen, Haus­durch­su­chung Zwangs­geld­fest­set­zun­gen gegen Ros­to­cker Ak­ti­vis­tIn­nen an­läß­lich eines Straf­ver­fah­rens gegen 2 im Stras­bour­ger Knast ein­sit­zen­de Ros­to­cker Ge­fan­ge­ne

Im Juli und Au­gust kam es bei meh­re­ren Ros­to­cke­rIn­nen zu Vor­la­dun­gen und einer Haus­durch­su­chung. Sie wer­den vor­der­grün­dig als Zeu­gIn­nen im Er­mitt­lungs­ver­fah­ren zu dem Brand des Zoll­häus­chens in Stras­bourg ge­führt. Of­fen­sicht­lich ver­sucht je­doch die Staats­an­walt­schaft Rostock eine kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung von Men­schen in Ros­tock her­bei­zu­de­fi­nie­ren, die da­mals ge­mein­sam in einem Bus nach Straß­bourg ge­fah­ren sind, um an den Pro­test­ak­tio­nen teil­zunehmen.
Was ist pas­siert: Be­reits zwei Tage nach der Ver­haf­tung der bei­den Ros­to­cker in Straß­bourg (4.​4.​2009), gab es bei den El­tern des einen eine Haus­durch­su­chung. Nach Mit­tei­lung der Staats­an­walt­schaft Ros­tock kam diese Durch­su­chung auf­grund eines Hil­fe­er­suchs der fran­zö­si­schen Er­mitt­lungs­be­hör­den zu­stan­de. Wie sich jetzt her­aus­ge­stell­te, hat Ober­staats­an­walt Lü­cke­mann mitt­ler­wei­le ein ei­gen­stän­di­ges, bei der Staats­an­walt­schaft Ros­tock an­ge­sie­del­tes Er­mitt­lungs­ver­fah­ren gegen die bei­den Ros­to­cker ein­ge­lei­tet. Haupt­tä­tig­keit die­ses Ver­fah­rens ist das Sam­meln von In­for­ma­tio­nen über die wei­te­ren im Bus mit­rei­sen­den Per­so­nen. Da man auf­grund von Po­li­zei­kon­trol­len wäh­rend des Gip­fels von ei­ni­gen Per­so­nen be­reits Namen hatte, gab es min­des­tens 4 Zeu­gen­vor­la­dun­gen zum Staats­schutz. Unter ihnen der Bus­fah­rer und die Or­ga­ni­sa­to­rin des Bus­rei­se.
Wäh­rend zwei Zeu­gen unter Be­ru­fung auf ihr Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rungs­recht nicht zur Vor­la­dung er­schie­nen, stell­te sich die Or­ga­ni­sa­to­rin der Bus­rei­se im Bei­sein ihrer An­wäl­tin den Fra­gen. Im Zuge eines fünf­stün­di­gen Ver­hö­res wurde die ge­sam­te An­rei­se de­tail­liert hin­ter­fragt, so z.B. nach der Stim­mung im Bus, wer neben wem saß, wel­che Ge­sprächs­the­men im Bus lie­fen, wo Zwi­schen­sta­tio­nen ge­macht wur­den, ob Teil­neh­me­rIn­nen der De­mons­tra­ti­on über das Ge­sche­he­ne dis­ku­tier­ten, ob sie ver­brann­te oder nach Gas rie­chen­de Klei­dung tru­gen… Zu den meis­ten die­ser Fra­gen konn­te die Zeu­gin keine Ant­wort geben. Die für die Po­li­zei wohl zen­trals­te Frage nach der Na­mens­lis­te der Mit­rei­sen­den woll­te die Zeu­gin nicht be­ant­wor­ten. Dar­auf­hin kün­dig­te die Po­li­zei, nach einem zwi­schen­zeit­lich ge­führ­ten Te­le­fo­nat mit der Staats­an­walt­schaft, eine staats­an­walt­schaft­li­che Ver­neh­mung an. Die Zeu­gin hatte den Ein­druck, dass die Po­li­zei von einer or­ga­ni­sier­ten Grup­pe in Ros­tock aus­geht, die sich dar­auf vo­er­be­rei­te­te, Stras­bourg in “Schutt und Asche” zu legen und schwer­be­waff­net an die­ser Bus­rei­se teil­nahm. Der Bus­fah­rer er­schien zur Ver­neh­mung und mach­te Aus­sa­gen.
So­wohl die Or­ga­ni­sa­to­rin des Bus­ses als auch die bei­den nicht beim Staats­schutz er­schie­ne­nen Zeu­gen er­hiel­ten Vor­la­dun­gen zur Staats­an­walt­schaft. Alle drei gin­gen mit an­wält­li­cher Be­glei­tung zur Ver­neh­mung. Ein Zeuge ver­wei­ger­te mit Be­ru­fung auf §55 StPO die Aus­sa­ge. Die­ses wurde von der Staats­an­walt­schaft ab­ge­lehnt. Auf An­trag der Staats­an­walt­schaft wurde dem Zeu­gen vom Amts­ge­richt ein Zwangs­geld in Höhe von 300 Euro auf­er­legt. Da­ge­gen legte er un­mit­tel­bar Wi­der­spruch ein. Der an­de­re Zeuge ließ sich die Fra­gen vor­tra­gen und be­ant­wor­te­te diese. Zu der ent­schei­de­nen Frage der Staats­an­walt­schaft nach den Namen an­de­rer Mit­rei­sen­der konn­te er nur den Namen sei­nes Sitz­nach­barn nen­nen, der je­doch iden­tisch ist mit dem an­de­ren Zeu­gen. Gegen die­sen Zeu­gen wurde kein Zwangs­geld er­ho­ben.
Die Or­ga­ni­sa­to­rin der Bus­fahrt ließ sich, nach­dem ihre auf § 55 StPO ge­stütz­te ge­ne­rel­le Wei­ge­rung, aus­zu­sa­gen, von der Staats­an­walt­schaft nicht ak­zep­tiert wurde, die Fra­gen vor­tra­gen, be­riet sich dann mit ihrer An­wäl­tin. Das Ver­hör soll­te sich aus­schließ­lich um die Nen­nung der Namen der Mit­rei­sen­den dre­hen. Weil die Zeu­gin keine Namen nen­nen woll­te, wurde ein Zwangs­geld in Höhe von 500 Euro be­stimmt. Im üb­ri­gen äu­ßer­te sich die Staats­an­walt­schaft wäh­rend der Ver­neh­mung da­hin­ge­hend, das sie sich vor­be­hält, ein Ver­fah­ren wegen Straf­ver­ei­te­lung gegen die Zeu­gin ein­zu­lei­ten. Gleich­zei­tig mit der Fest­set­zung des Zwangs­gel­des wurde vom Amts­ge­richt ein Durch­su­chungs­be­schluss ihrer Pri­vat­woh­nung er­las­sen, mit dem Ziel, die Na­mens­lis­te zu fin­den. Fünf Po­li­zei­be­am­te fuh­ren au­gen­blick­lich mit ihr und der An­wäl­tin zu ihrer Woh­nung und durch­such­te diese. Weder der An­wäl­tin noch der Zeu­gin selbst wurde die An­we­sen­heit wäh­rend der Durch­su­chung er­laubt. Die Zeu­gin konn­te hören, wie Fotos ge­macht wur­den. Ihr Com­pu­ter wurde be­schlag­nahmt. Der Zeu­gin wurde Beu­ge­haft an­ge­droht, wenn es nicht ge­län­ge, die Liste zu fin­den.
Gegen alle Maß­nah­men wurde Wi­der­spruch ein­ge­legt. Nach we­ni­gen Tagen wurde der Com­pu­ter wie­der her­aus­ge­ge­ben. Die Po­li­zei teil­te mit, daß Sie dort eine Blan­ko­lis­te ge­fun­den hätte, auf der die Mit­rei­sen­den ein­ge­tra­gen wer­den konn­ten. Namen von Mit­rei­sen­den habe sie of­fen­sicht­lich nicht fin­den kön­nen. Ende Au­gust wurde vom Land­ge­richt der Wi­der­spruch der Or­ga­ni­sa­to­rin gegen das Zwangs­geld ab­ge­wie­sen.

Juso-Bundesvorsitzende kritisiert mg-Verfahren

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Wir dokumentieren ein Interview der taz vom 25.10.2009 mit der Juso-Bundesvorsitzenden Franziska Drohsel. In dem Interview geht es u.a. um das Urteil im mg-Prozeß und die totalitaristische Gleichsetzung von Links und Rechts.

Interview mit der Juso-Vorsitzenden: „Ich kritisiere die Gleichmacherei“

Franziska Drohsel wehrt sich gegen die Gleichsetzung von Rechts- und Linksextremismus: Der eine spricht Menschen das Recht auf Leben ab, der andere strebt nach freiem Leben.

taz: Frau Drohsel, finden Sie etwas sympathisch an Schwarzgelb?

Franziska Drohsel: Nee. Ich möchte, dass es eine linke Mehrheit im Parlament gibt und eine progressive Regierung. Ich bin der Meinung, dass es für die Gesellschaft katastrophale Konsequenzen hat, wenn so eine konservative Regierung die Gesellschaft gestaltet.

Wünschen Sie der Regierung, dass sie möglichst viele Fehler macht und dadurch die Legislaturperiode vorzeitig beendet wird?

Natürlich fände ich es gut, wenn diese Regierung frühzeitig zum Beenden gezwungen wird und es eine andere Mehrheit gibt.

Das Kabinett steht. Sehen Sie krasse Fehlbesetzungen?

Das sind alles Menschen, die politische Positionen vertreten, die ich nicht richtig finde.

Wird Schwarz-Gelb die Leute öfter auf die Straße treiben?

Ich gehe davon aus, dass Schwarz-Gelb eine Politik machen wird, die die soziale Spaltung verstärkt. Und ich hoffe, dass es da Gegenwehr gibt.

Wann waren Sie das letzte Mal auf einer Demo?

Natürlich war ich auf der Anti-Atomkraft-Demo. Und bei der mg-Soli-Demo.

Wie bitte, Sie waren auf einer Solidaritätsveranstaltung für die linksradikale „militante gruppe“?

Ja, ich finde es juristisch nicht okay, wie das Verfahren gelaufen ist. Darauf möchte ich öffentlich aufmerksam machen.

Haben Demonstrationen denn überhaupt noch einen Sinn?

Auf jeden Fall ist Demonstrieren sinnvoll. Einmal habe ich die Möglichkeit, mit vielen anderen Menschen auf ein Anliegen aufmerksam zumachen. Außerdem kann man auch Blockaden organisieren, zum Beispiel von Nazi-Aufmärschen. Und so etwas wie Heiligendamm war in vielerlei Hinsicht eine großartige, kreative Aktion.

Gilt das auch für Flashmobs?

Flashmobs finde ich grundsätzlich auch gut. Das ist eine sehr spontane Demonstrationsform.

Wo sind für Sie die Grenzen des Protestes?

Die Grenze in dieser Gesellschaft ist das Strafgesetzbuch. In dem Moment, in dem du dagegen verstößt, machst du dich strafbar und kassierst ein Verfahren.

Sollte man das nicht manchmal in Kauf nehmen?

Dass Legalität und Legitimität nicht immer übereinstimmen müssen, kann man aus unserer Geschichte lernen. Das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit ist ein schwieriges. Natürlich sind Regeln für gesellschaftliches Zusammenleben notwendig, aber manche würde ich hier deutlich kritisieren. Gerade den Paragraf 129a finde ich problematisch. Er hat dazu geführt, dass linke Strukturen ausspioniert und eingeschüchtert wurden. Ich finde es ebenfalls problematisch, wie das Verfahren gegen die „militante gruppe“ gelaufen ist. Ich bin gespannt, was die Revision ergeben wird.

Die Bundesregierung will die Fördermittel für den Kampf gegen rechts auch gegen links einsetzen. Gibt es einen Unterschied zwischen Links- und Rechtsextremismus?

2005 hat die SPD dieselben Pläne in der großen Koalition verhindert. Eine Zusammenlegung der Mittel würde bedeuten, dass man Geld aus Anti-rechts-Programmen rauszieht und stattdessen gegen linke Strukturen verwendet. Ich kritisiere die Gleichmacherei. Rechtsextremismus spricht Menschen das Recht auf Leben ab. Grundlage linker Politik ist das Streben nach einem freien und selbstbestimmten Leben für alle.

(Das Interview führten Philipp Schossau, Feras Al-Hasaki, Luisa Klauser und Ernesto Loll, vier Teilnehmer der taz-Akademie für Nachwuchsjournalisten.)

Prozeß gegen Antimilitaristin Hannah Poddig am 1. Dezember 2009

Wir dokumentieren eine Pressemitteilung zum anstehenden antimilitaristischen Prozeß gegen Hannah Poddig wegen Blockade eines Munitionszugs der Bundeswehr:

Husum: Prozess gegen Antimilitaristin

Im Februar 2008 wurde in Nordfriesland ein mit Radaranlagen und Raketen beladener Zug der Bundeswehreinheiten bei der NATO-Response-Force für fast fünf Stunden aufgehalten. Mit einer Protestaktion wollten die AktivistInnen gegen die Bundeswehr im Allgemeinen und insbesondere gegen ihre Auslandseinsätze protestieren. Eine Aktivistin hatte sich um ihre Entschlossenheit zu bekräftigen, mit einem Stahlrohr an die Gleise festgekettet. Deshalb soll ihr am 1.12.09 im Amtsgericht Husum der Prozess gemacht werden.

Am Dienstag, den 1.12.2009 um 9:00 Uhr wird vor dem Amtsgericht Husum gegen Hanna Poddig verhandelt. Der Vorwurf ist „Nötigung und „Störung öffentlicher Betriebe“. Hanna hatte zuvor Einspruch gegen einen Strafbefehl von 80 Tagessätze à 30 Euro eingelegt. Hanna sagte zu den Vorwürfen: “Das Vorgehen der Husumer Justiz zeigt deutlich, wie diese funktioniert: Ich werde nicht wegen meines Protestes gegen die Bundeswehr angeklagt, sondern für abstrakte Straftatbestände. Damit soll mein Handeln entpolitisiert und von meiner Kritik an der Existenz gewalttätiger Herrschaftsapparate wie der Bundeswehr abgelenkt werden. Die Justiz ist eben nicht neutral, sondern dazu da, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse vor Kritik zu schützen – und das ist in diesem Fall die Beteiligung der Bundeswehr an Kriegen wie in Afghanistan.“

Malte Jensen, engagiert im HusumA-Solifond, einer Organisierung, die Menschen unterstützt, die aufgrund ihres politischen Engagements von Repression betroffen sind, sagte: „Das ist in Husum nichts Neues. Polizei, Justiz und Armee arbeiten ständig zusammen, wenn es darum geht, Kritik zu unterbinden. Beim Zapfenstreich am 15.9.2009 auf dem Marktplatz verboten Militärpolizisten selbst das Verteilen von Flugblättern, und vertrieben Menschen, die sich in Gesprächen kritisch zu dem Spektakel äußerten. Deshalb wundert es mich nicht, dass Gerichte und Staatsanwaltschaften versuchen, die Bundeswehr vor Kritik zu schützen.“ Die Auslandseinsätze der Bundeswehr seien derart unpopulär, dass die Bundeswehr leichte Kritik bereits als bedrohlich empfände. So sei bei einen Vortrag über die Auslandseinsätze der Bundeswehr im Speicher wie selbstverständlich zivile Polizei anwesend gewesen.

Im Februar 2008 verspätete sich in Nordfriesland ein Schienentransport der Flugabwehrraketengruppe 26 laut der Bundespolizei um 253 Minuten. Der Transport befand sich auf dem Weg zu einem Manöver der NATO-Response-Force (NRF), der die in Nordfriesland stationierte Einheit im zweiten Halbjahr 2008 angehörte. Die NRF ist eine „Schnelle Eingreiftruppe“, die es ermöglichen soll, weltweit in kurzer Zeit militärisch handlungsfähig zu sein. Die Aufgaben der NRF sind angeblich Friedenssicherung, Krisenintervention, humanitäre Hilfe und das Offenhalten des Zuganges zu Märkten und Rohstoffen. „De Facto benennt die Nato hier ganz offen den Sinn ihrer Truppe: Die militärische Sicherstellung der Rohstoffversorgung der Wirtschaft“ kommentierte dies die Antimilitaristin Hanna Poddig. „Statt eine gerechte Weltwirtschaft zu schaffen, in der alle einen gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen haben, wird in Aufrüstung investiert. Die NRF ist leider nur die Spitze des Eisberges!“ Die Aktion konnte erst nach mehreren Stunden beendet werden.

Mit der Aktion demonstrieren die AktivistInnen für die Auflösung der Bundeswehr. „Die Bundeswehr tritt als Mittel der Herrschaftssicherung sowohl im Inland als auch im Ausland zunehmend wieder in Erscheinung. Im Ausland hilft die Bundeswehr die wirtschaftlichen Interessen der Eliten der Bundesrepublik und der NATO-Länder mit Gewalt durchzusetzen. Im Inland wird die Bundeswehr zunehmend auch gegen die Kritiker_Innen genau dieser Politik eingesetzt. Parallel zur damaligen Aktion bewachten bewaffnete Soldaten u.a. eine Demonstration gegen die jährlich in München stattfindende „Sicherheitskonferenz“. „Doch mit militärischer Gewalt und Unterdrückung würden sich die weltweiten Probleme nicht lösen lassen“. Erst das Abschaffen von Herrschaftsstrukturen wie der Bundeswehr und der NATO werde laut Malte Jensen die Möglichkeit eröffnen, die weltweiten Ungerechtigkeiten ernsthaft zu bekämpfen.


Informationen zur Gleisblockade, Bilder und einen Kurzfilm zur Aktion findet ihr hier.

Hannah hat übrigens vor kurzem ein Buch veröffentlicht. Dieses ist unter dem Titel „Radikal mutig – meine Anleitung zum Anderssein“ im Buchhandel erhältlich. Hier findet ihr eine Rezension zum Buch aus der Graswurzelrevolution 342 (Oktober 2009).