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Buchrezension: „Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935 – Bericht der Internationalen Roten Hilfe aus dem Jahr 1935″

Wir dokumentieren mit freundlicher Genehmigung eine Rezension der Redaktion der Roten Hilfe Zeitung (RHZ 2/2009) zum Buch „Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935 – Bericht der Internationalen Roten Hilfe aus dem Jahr 1935″. Das Buch ist im Verlag Olga Benario und Herbert Baum erschienen und kann unter www.verlag-benario-baum.de bestellt werden. Es ist sehr dankenswert, daß der Offenbacher Verlag das IRH-Dokument neu herausgebracht hat. Für alle, die an der Geschichte der Roten Hilfe interessiert sind, quasi Pflichtlektüre.

In der Reihe „Rote Hefte“ des Verlages erschien vor wenigen Wochen auch eine Kurzversion des Buches als Heft Nr. 27. Darin enthalten das Vorwort des AutorInnenkollektivs und der Eingangstext von Helene Stassowa. Das Heft könnt ihr beim Verlag, aber auch bei unserer Ortsgruppe für 1 EUR erwerben.


„Wer eine Aenderung der Regierungsform anstrebt, kann mit dem Tode bestraft werden“

Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935

„Es gibt gute Gründe, die Tradition der Internationalen Roten Hilfe zu studieren und aufrecht zu erhalten“: Mit diesen Worten schließt der Verlag Olga Benario und Herbert Baum die Einleitung zum kürzlich erschienenen Faksimile eines der vielleicht interessantesten Bücher der IRH. Ursprünglich 1935 in Paris erschienen, wirft „Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935“ nicht nur ein helles Licht auf Umfang und Formen staatlicher Repression (das Exekutivkomitee der IRH spricht in seinem Vorwort von Bestialität – nicht umsonst, wie die Lektüre aufzeigen wird) in dieser Zeit und in Ländern, die uns bei der Beschäftigung mit der RH-Historie kaum einfallen würden. Vor allem zeigt der Band auch die beeindruckende Arbeit der Rote Hilfe, den Kampf gegen Faschismus, Gewaltherrschaft und bürgerliche Reaktion. Und – nicht weniger interessant – der Leser erfährt Einiges über das Selbstverständnis der IRH. Denn auch wenn sie oder die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) den strömungsübergreifenden Ansatz nicht so offiziell formulierten wie es die Rote Hilfe e.V. heute tut: Die Rote Hilfe der 20er und 30er Jahre war durchaus kein reines Anhängsel Moskaus und bei Weitem nicht nur für parteitreue Kommunisten zuständig, wie gelegentlich unterstellt wird.

Sicher, eine gewisse Nähe zur KPdSU und der anderen kommunistischen Parteien lässt sich nicht leugnen. Das zeigt sich schon im ersten Kapitel des Sammelbandes, geschrieben von Jelena Stassowa, seinerzeit Vorsitzende des Zentralkomitees der IRH und zugleich stellvertretende Vorsitzende ihres Exekutivkomitees: „Die Idee einer solchen Organisation wurde von den alten Bolschewiki der Sowjetunion und den ehemaligen politischen Zuchthausgefangenen und Verbannten aufgegriffen und sie begannen sie zu verwirklichen. Felix Dzierzynski war der erste, der diesen Gedanken im Kreise der ehemaligen politischen Zuchthausgefangenen formulierte“, schreibt sie. Doch die Wurzeln der Idee gehen tiefer. Mit dem Beschluss zur Gründung der IRH handelte der IV. Kongress der Komintern 1922 „im Geiste der besten Traditionen der I. Internationale“, führt die Stassowa aus. „Bekanntlich war Karl Marx der erste Organisator der Hilfe für die Opfer des bürgerlichen Terrors.“ Marx immerhin gehörte – wie auch Friedrich Engels – dem 1848 in London gegründeten „Komitee zur Unterstützung der deutschen politischen Emigranten“ an.

Schon Marx verpflichtete auf strömungsübergreifende Solidarität

„Es ist äußerst wichtig hervorzuheben, daß dieser Vorläufer der gegenwärtigen Organisation zur Unterstützung revolutionärer Kämpfer die grundlegende prinzipielle Linie für die heutige Rote-Hilfe-Bewegung gegeben hat“, schreibt die Stassowa. „Marx kämpfte vor allem entschieden gegen die Umwandlung der Unterstützungsaktion für die politischen Emigranten in irgendein philantropisches und bürgerliches Wohltätigkeitsunternehmen. Er unterstrich ausdrücklich den revolutionären Klassencharakter der Hilfsorganisation, und grenzte sich entschieden von den verschiedenen bürgerlichen Organisationen zur Unterstützung der England geflüchteten deutschen Revolutionäre ab.“ Und: „Das von Marx geleitete Komitee rief weiter dazu auf, den politischen Emigranten ohne Rücksicht auf ihre politische Einstellung Unterstützung zu gewähren und sprach sich scharf gegen die bürgerlichen Spalter der Unterstützungsaktion aus, die die verleumderische Nachricht verbreiteten, daß das von Marx geleitete Komitee angeblich nur Kommunisten unterstützte“ – schon hier findet sich der strömungsübergreifende Ansatz, den auch die sowjetischen Funktionäre kannten und als wichtig erachteten. Auf diesen ließ sich freilich kaum verzichten, wurde die IRH doch von der Komintern als eines der wichtigsten Werkzeuge ihrer Einheitsfrontpolitik betrachtet.

Eine Politik, die sich zwar auch an Mitglieder der SPD richten mochte, nicht aber an die Partei selbst. Im Kapitel „Vom Nosketerror zum Hitlerfaschismus“ zieht Wilhelm Pieck, seit 1925 Vorsitzender der RHD und später erster und einziger Präsident der DDR, eine Linie vom Verrat der Sozialdemokratie an der Revolution 1918 hin zur Machtübertragung an die deutschen Faschisten 1933. Den tausendfachen Mord an revolutionären Arbeitern durch die SPD-Regierung, unter anderem nach dem Kapp-Putsch im Ruhrgebiet sowie in Sachsen und Thüringen, die Verbindungen mit der „Schwarzen Reichswehr“, Verbot des Roten Frontkämpferbundes, Fememorde und „Republikschutzgesetz“ (1922) – vor allem (aber nicht nur) in der ersten Hälfte der 1920er Jahre verriet, verfolgte und ermordete die SPD mittelbar oder unmittelbar ihre eigene Klientel. „Auf Grund des Republikschutzgesetzes wurden weit über 15.000 Anklagen gegen linksgerichtete Arbeiter erhoben und annähernd 10.000 Jahre Freiheitsstrafen verhängt“, rechnet Pieck auf. „Dieses Ausnahmegesetz der Weimarer Republik brachte in einem kurzen Zeitraum zehnmal soviel Strafen als das Sozialistengesetz Bismarcks, auf Grund dessen nur etwa 1000 Jahre Kerkerstrafe im Laufe von zwölf Jahren ausgesprochen wurden.“

„Das darf nicht dazu führen, daß die scharfe Anwendung der Schußwaffe unterbleibt.“

Doch der weiße Terror beschränkte sich nicht nur auf die 20er. Pieck zitiert Carl Severing, der abwechselnd SPD-Polizeiminister in Preußen und im Reich war. Auf einer Polizeitagung im Oktober 1930 erklärte der Minister: „Polizeiknüppel und härtere Waffen dürfen in diesem Winter nicht aus dem Dienst gestellt werden, um unruhige Volkshaufen in Schach zu halten.“ Und am 2. Juli 1932 gab Severing einen richtiggehenden Schießbefehl heraus: „Wenn ein früherer Erlaß die Abgabe von Schreckschüssen für zulässig erklärt, so darf das nicht dazu führen, daß nur noch Schreckschüsse abgegeben werden und die scharfe Anwendung der Schußwaffe unterbleibt.“ Entsprechend sah die Totenliste aus: Im Jahr 1930 zählte die RHD 36 durch die Polizei getötete Arbeiter, weitere 41 wurden durch die Faschisten ermordet. 1931 wurden 55 (Polizei) bzw. 49 (SA etc.) linke Arbeiter ermordet, 1932 gab es 81 bzw. 139 Todesopfer zu beklagen. Für das erste Quartal 1933, in dem auch die RHD von der Hitler-Regierung verboten wurde, werden noch 24 Tote durch Polizeigewalt aufgeführt – allein 13 wurden am 25. Januar in Dresden in einem verschlossenen Lokal von der Polizei erschossen. „Auch hier zeigt sich der organische Prozess, in dem sich der Faschismus aus der bürgerlichen Demokratie und der faschistische Terror aus dem Terror der sozialdemokratischen Polizeipräsidenten entwickelt“, so Pieck.

Ähnlich blutig ging es auch in Österreich zu („Der Terror des Kleriko-Faschimus in Österreich“), wo revolutionäre Arbeiter zu Tausenden ermordet, abgeschoben oder wegen Vergehen wie „literarischem Hochverat“ ins Verlies geworfen wurden. (A propos „literarischer Hochverrat“: Das so genannte „Denglisch“ ist keine Erfindung der letzten Zeit – im Buch ist von „Meetings“ und „ausgepowerten Arbeitern“ die Rede.) Je schärfer der Kampf, desto absurder die Urteile: „Am 15. Januar (1935, d. R.) wurden 4 Frauen aus Gloggnitz, die ihre in der Strafanstalt Karlau inhaftierten Männer besuchten, wegen des Tragens roter Pullmannmützen zu je 4 Wochen Arrest verurteilt.“ Wie auch in allen anderen Kapiteln findet sich auch hier eine informative statistische Aufstellung der Opfer der Reaktion. So wurden allein in Wien nach Angaben der dortigen Polizeidirektion in der Zeit vom 15. März 1933 bis zum 31. Dezember des Folgejahres 12.270 Sozialisten und 6.770 Kommunisten wegen „staatsfeindlicher Umtriebe“ verhaftet. In der selben Zeit wurden rund 50.000 Hausdurchsuchungen gegen linke Arbeiter vorgenommen.

Zwangssterilisierung und Konzentrationslager in Finnland

Dass sich trotz wachsenden weißen Terrors Widerstand und Solidarität nicht zerschlagen ließen, wird beispielhaft im Kapitel zu Italien dargestellt. Hier wuchs die Zahl der Mitglieder der Roten Hilfe trotz (oder gerade wegen) des Faschismus‘ auf 125.000 kurz vor ihrem Verbot 1926. Im Jahr 1929 zählte die Organisation immer noch 15.000 zahlende Mitglieder. Doch auch an Selbstkritik wird im Buch nicht gespart: „Gegen die Polizeikontrolle, unter der Zehntausende von Revolutionären zu leiden haben, hat die Rote Hilfe Italiens noch keinen genügenden Kampf geführt.“

Ebenfalls ausführlich widmet sich das Buch Repression und Antirepressionsarbeit in den Ländern des Balkans und des Baltikums (Konzentrationslager, Zwangssterilisierung und Militäreinsätze in Finnland) ebenso wie in Polen oder Spanien. Dann geht der revolutionäre Blick in Gegenden, aus denen hierzulande im Allgmeinen kaum etwas über den weißen Terror und die Arbeit (oder gar Existenz) der Roten Hilfe bekannt ist. Doch immerhin hatte die Organisation im Jahre 1927 Sektionen in 44 Ländern. So wie beispielsweise in Japan. Kaum vorstellbar die Lage der Arbeiter (und vor allem der zahlreichen Arbeiterinnen): Grausamste Züchtigungen für geringste Vergehen, Mordanschläge auf Arbeiter- oder Jugendführer, Arbeitssklaverei und Hungersnöte sowohl in Japan selbst als auch in seinen Kolonien wie Formosa und Korea, dazu regelrechte Ausrottungsaktionen in den besetzten Gebieten – mit erschreckender Anschaulichkeit wird dem Leser „Der Terror des japanischen Imperialismus“, so der Titel des Abschnitts, vor Augen geführt. Zugleich radikalisierte sich dem Autor zufolge mit jedem Schlag gegen die KP, mit jedem Pogrom gegen Ausländer „wegen Einschleppung kommunistischer Ideen“ die Bewegung.

Immer härter wurden auch die Schläge der Herrschenden: 1925 wurde das „Gesetz zur Aufrechterhaltung des Friedens“ erlassen, „das grausame Strafen für alle vorsah, die eine Aenderung des herrschenden Gesellschaftssystems herbeizuführen suchen“, drei Jahre später wurde die Rote Hilfe Japans verboten. Darauf folgte das „Gesetz gegen die gefährlichen Gedanken“, das Haftstrafen bis zu zehn Jahren vorsah. Dazu zitiert der Autor aus dem „Völkischen Beobachter“ vom 26. November 1934: „Im großen und ganzen konnte man mit Massenverhaftungen – es handelt sich um Zahlen bis zu 600 pro Tag und 50.000 im Jahr – der Ausbreitung der gefährlichen Gedanken nicht Herr werden.“ Logische Konsequenz der nächste Schlag, das „Staatsschutzgesetz zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit“ 1935: „Wer eine Organisation schafft oder leitet, die eine Aenderung der Regierungsform anstrebt, kann mit dem Tode bestraft werden.“ Allein die Teilnahme an einer Organisation, „die das Privateigentum ablehnt, (kann) mit Gefängnis bis zu zehn Jahren bestraft werden“ – hier drängt sich der Vergleich mit dem bundesdeutschen Paragraphen 129a geradezu auf.

Gegen die Revolution waren sich alle Staaten einig

Unter den Bedingungen des Kolonialismus, vor allem des britischen und amerikanischen, arbeitete die Rote Hilfe unter anderem in den Ländern Südamerikas und der Karibik, denen ebenfalls ein Kapitel gewidmet ist. Doch die Kolonialmächte holten nicht nur heraus, sie exportierten auch in die kolonialen oder halbkolonialen Gebiete – nämlich die Konterrevolution. So wurde ein russischer Weißgardist zum Leiter der Anti-Kommunismus-Polizei in Argentinien gemacht. Auch grenzüberschreitend waren die Staaten – bei allen sonstigen Animositäten – aktiv, wenn es nur gegen die Revolution ging: „Im April 1934 unterzeichneten die zentralamerikanischen Regierungen von Guatemala, Costa Rica, Panama, El Salvador und Nicarague ein Abkommen, das die gemeinsame Verfolgung der revolutionären Organisationen und ihrer Mitglieder vorsieht“, schreibt M. Castillo. Darin heißt es: „Im Fall von Rebellion oder Anarchie müssen die Polizeikräfte aller zentralamerikanischen Nationen gemeinsam an der Wiederherstellung der Ordnung arbeiten.“

Hier wie auch in den anderen angeführten Kolonien (dem Maghreb, Syrien, Ägypten, Niederländisch-Indien, Indochina und Indien, Südafrika) galt: „Die Herrschaft der Imperialisten stützt sich auch auf die feudalen Gutsbesitzer und auf die einheimische Bourgeoisie der kolonialen Länder.“ Eine Bourgeoisie, die zwar teilweise einen nationalen Befreiungskampf führte, dem sozialen allerdings entgegenwirkte. So heißt es über Ghandi, dass er und sein indischer Nationalkongress „den passiven Widerstand gegen die Engländer verkünden, die Rückkehr zu den reaktionären Lebensformen des Feudalismus predigen, die Gewaltlosigkeit und die Respektierung des Privateigentums propagieren“.

Über die Gefängnisregime in diesen kolonialen wie in den anderen Staaten wird im Buch ausführlich berichtet, ebenso über die Gegenaktivitäten der Roten Hilfe. Immer wieder wird auf Freilassungen nach IRH-Kampagnen verwiesen. Schlagkräftige Kampagnen, die nach Cara Zetkin (1932) vor allem einen Grund hatten: „Die alten Formen der internationalen Solidarität führten zur Zersplitterung, zur Schwächung der Hilfe selbst. Die Kräfte, die der internationalen Solidarität zugrunde lagen, bedurften des internationalen Zusammenschlusses und der Leitung, der festen Zentralisation. Die Gründung einer weltumfassenden Massenhilfsorganisation für all jene, die sich in den Ketten der Bourgeoisie befinden, ist zum Gebot der Stunde geworden.“


Die weltweiten Verbrechen der Konterrevolution 1918 bis 1935 – Bericht der Internationalen Roten Hilfe aus dem Jahr 1935, 312 S., m. Abbildungen, Verlag Olga Benario und Herbert Baum, Offenbach 2008, ISBN: 3-86589-065-8, 18 Euro

Bericht von einer RHD-Städteführung in Berlin

rhd-amnestiekundgebung_berlin_1927_bild_500.jpgIm Dezember 2008 hatten wir den Historiker und Journalisten Nikolaus Brauns als Referenten bei uns zu Gast, wo er zur Geschichte der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) der Weimarer Republik sprach. Am letzten Wochenende fand in Berlin eine spannende Stadtführung statt, in der Nikolaus Brauns Orte und Ereignisse im Zusammenhang mit der RHD veranschaulichte.
Claudia Wangerin hat in der jungen Welt vom 16.03.2009 einen kurzen Artikel zu dieser „DenkMalTour“ verfaßt.

Wir denken, nicht nur Berlin hat viele solcher geschichtsträchtigen Rote Hilfe-Orte zu bieten, auch in MV gibt es in dieser Hinsicht sicher noch einige interessante Plätze und Geschehnisse mit direktem RHD-Bezug.


Ausflug in Zwischenkriegszeit

„DenkMalTour“ auf den Spuren der Roten Hilfe in Berlin

Von Claudia Wangerin

Fahrradkuriere der Roten Hilfe mit Büchern für politische Gefangene flitzten durch die Straßen Berlins, in der Weddinger Anwaltskanzlei der späteren DDR-Justizministerin Hilde Benjamin drängten sich Mandanten, die zum Teil so arm waren, daß die „Rote Hilde“ von ihnen kein Geld nahm – und 120.000 Menschen demonstrierten im Lustgarten gegen die Hinrichtung der Anarchisten Sacco und Vanzetti in den USA.

All das geschah in den 1920er Jahren. Für die Teilnehmer einer „DenkMalTour“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der NaturFreunde Berlin ließ Historiker und jW-Autor Nick Brauns am Samstag die Geschichte wieder lebendig werden. Anlaß war der bevorstehende „Tag der politischen Gefangenen“, zu dem die linke Solidaritätsorganisation im Jahr 1922 den 18. März erklärt hat. Das Datum erinnert an die blutige Niederschlagung der deutschen Revolution 1848 und der Pariser Kommune 1871.

In der Weimarer Republik hatte die Rote Hilfe für die Freilassung Tausender politischer Gefangener aus der Arbeiterbewegung gekämpft, Geld und Lebensmittel für deren Familien gesammelt und Rechtsanwälte für politische Prozesse gestellt.

Bis zu 7.000 proletarische Gefangene saßen damals in den Zuchthäusern. Aber nicht nur das: „Die Rote Hilfe hatte allein in Berlin und Brandenburg 30.000 Einzelmitglieder“, erzählt Brauns.

Die „DenkMalTour“ führte 20 Teilnehmer vom Reichstag, wo einst kommunistische Abgeordnete um Amnestiegesetze gerungen hatten, über die ehemalige Reichszentrale der Roten Hilfe in der Dorotheenstraße bis zum Landgericht in der Littenstraße und endete am Alexanderplatz vor dem Einkaufszentrum „Alexa“, wo vor dem Krieg das Polizeipräsidium stand.

Die Littenstraße ist heute noch nach dem Rote-Hilfe-Anwalt Hans Litten benannt, der von den Nazis in den Tod getrieben wurde, nachdem er sich Anfang der 1930er Jahre vor Gericht dem Terror des SA entgegengestellt und junge Antifaschisten verteidigt hatte. In der Dorotheenstraße dagegen erinnert heute nur noch der Copy-Shop „Copy Clara“ an den Straßennamen, den sie zu DDR-Zeiten trug – sie war nach der früheren Vorsitzenden der Internationalen Roten Hilfe Clara Zetkin benannt.

Zwei Geschichtsveranstaltungen der Roten Hilfe Greifswald

rh-veranstaltungen_im_dezember_2008_bild_500Am 04.12. und am 10.12. (Internationaler Tag der Menschenrechte) veranstalten wir als Ortsgruppe in Kooperation mit dem Hans-Litten-Archiv jeweils Veranstaltungen zur Geschichte der Roten Hilfe Deutschlands in der Weimarer Republik.

Für Donnerstag, den 4. Dezember 2008, haben wir Dr. Nikolaus Brauns als Referenten gewinnen können. Der Historiker und Journalist hat in den letzten Jahren mehrere Beiträge zur Geschichte der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) veröffentlicht und 2003 im Pahl Rugenstein Verlag das sehr lesenswerte Buch „Schafft Rote Hilfe! Geschichte und Aktivitäten der proletarischen Hilfsorganisation für politische Gefangene in Deutschland (1919-1938)“ herausgegeben.
Nikolaus Brauns wird zum Thema „Die Rote Hilfe Deutschlands – zur Geschichte der proletarischen Rechtshilfeorganisation in der Weimarer Republik“ sprechen.
Die Veranstaltung findet im IKuWo, Goethestraße 1, 17489 Greifswald statt und beginnt um 21:00 Uhr.

Am Mittwoch, den 10. Dezember 2008, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, wird Jan Steyer über “Hans Litten – Wirken eines antifaschistischen Rechtsanwalts in der Weimarer Republik” referieren und dazu einen Film über die Anwälte der Roten Hilfe zeigen. Auch diese Veranstaltung findet im IKuWo statt, beginnt jedoch schon um 20:00 Uhr.

Hamburg: RH-Veranstaltung zu Hans Litten, Anwalt der Roten Hilfe Deutschland

Wir möchten euch auf eine aktuelle Rote Hilfe-Veranstaltung am 04.02.2008 in Hamburg hinweisen und dokumentieren hier die Veranstaltungsankündigung der Roten Hilfe Hamburg und des Hans-Litten-Archivs:


Wider das Vergessen …
… in Erinnerung an die Rechtsanwälte der Roten Hilfe in der Weimarer Republik

Liebe Genossinnen und Genossen, wir wollen Euch ganz herzlich zu einem geschichtsträchtigen Abend in unser Café im Internationalen Zentrum B5 einladen. Wir möchten gemeinsam einen Blick zurück in die Geschichte werfen und das Leben des Rechtsanwaltes der Roten Hilfe Hans Litten betrachten.

Hans Litten, geboren 1903 und Anwalt der Roten Hilfe, verteidigte hauptsächlich kommunistische Arbeiter, die wegen ihrer politischen Überzeugung und ihres Kampfes gegen die Nationalsozialisten verhaftet wurden. Nach Abschluss seines Jurastudiums 1928 lehnte Litten die Angebote renommierter Kanzleien ab, um im Namen der proletarischen Selbsthilfeorganisation Rote Hilfe die Verteidigung politisch verfolgter Arbeiter zu übernehmen. Berühmtheit erlangte Hans Litten durch seine großen Prozesse. 1929 stellte Hans Litten Anzeige gegen den damaligen Berliner Polizeipräsidenten Zörgiebel – wegen Anstiftung zum Mord in 33 Fällen. Wegen Zörgiebels allgemeinen Verbotes politischer Veranstaltungen wurden bei der Auflösung der 1.-Mai-Demonstration in Berlin 33 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Trotz Littens hartnäckiger Bemühungen hatte die Anzeige für Zörgiebel keine Konsequenzen. Eine seiner Losungen lautete: „In politischen Prozessen widerspricht die Aufklärung der Hintergründe häufig dem Interesse der herrschenden Klasse.“ Dann wurde Litten als „Mann, der Hitler in die Enge trieb“ bekannt, weil es ihm1931 gelang, den Führer der faschistischen NSDAP beim Prozess um einen SA-Überfall auf den Berliner „Tanzpalast Eden“ als Zeugen vorzuladen. Im Verhör wies Litten nach, daß der SA-Terror trotz aller Legalitätsschwüre einer planmäßigen Taktik Hitlers zur Destabilisierung der Weimarer Republik entsprang. Nach Morddrohungen in der faschistischen Presse stellte die Rote Hilfe Litten Arbeiter als Leibwächter zur Verfügung. Als ihm Genossen nach der faschistischen Machtübernahme zur Flucht rieten, erklärte Litten: „Die Millionen Arbeiter können nicht heraus, also muß ich auch hier bleiben.“ Doch Hitler hatte den Mann, der ihn einst vor Gericht bloßstellte, nicht vergessen: Bereits am 28. Februar 1933, dem Morgen nach dem Reichstagsbrand, wurde er in „Schutzhaft“ genommen. In den nächsten fünf Jahren folgte ein schwerer Leidensweg durch verschiedene Zuchthäuser und Konzentrationslager, bis Litten in der Nacht zum 5. Februar 1938 im KZ Dachau von den SS-Schergen in den Selbstmord getrieben wurde.

Film- und Diskussionsveranstaltung Hans Litten – der „Anwalt der Arbeiter“
Montag, 4. Februar 2008
mit Rechtsanwalt und Autor Dr. Heinz-Jürgen Schneider
Beginn 20.00 Uhr, Essen ab 19.30 Uhr im Rote-Hilfe-Café in der B5, Brigittenstraße 5, St. Pauli

Wir würden uns sehr freuen, Euch begrüßen zu dürfen!

Eure OG Hamburg der Roten Hilfe e.V. und das Hans-Litten-Archiv e.V.

2008: Vorwärts und nicht vergessen…

Wir wünschen allen Roten HelferInnen ein erfolgreiches 2008!

Hiermit möchte wir auch ganz offiziell unseren Ortsgruppen-Weblog eröffnen. Ihr werdet hier regelmäßig Informationen von der Roten Hilfe erhalten. Wir denken, daß das Medium Weblog für unsere Öffentlichkeitsarbeit optimal geeignet ist. Über Verbesserungsvorschläge und v.a. auch Verlinkungen freuen wir uns natürlich. Einen Newsletter wollen wir euch Anfang des Jahres auch anbieten, in den ihr euch dann eintragen könnt, um keinen unserer Termine (mehr) zu verpassen.

Unseren diesjährigen Sylvestergruß wollen wir diesmal mit einem Foto der Rote Hilfe Pioniere aus Dresden und Plauen überbringen. Denn damals wie heute ist Solidarität unter den linken und progressiven Kräften notwendig, um sich politisch wie juristisch gegen die Repressionspolitik des bürgerlichen Staates zu erwehren. Wir wollen das kommende Jahr 2008 auch dafür nutzen, durch mehrere Veranstaltungen in Greifswald die Geschichte der Roten Hilfe in der Weimarer Republik näher zu beleuchten.

Zu den RH-Pionieren ein paar kurze Infos:
Im Mai 1931 gründete die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) den eigenen Jugendverband „Rote Hilfe Pioniere“ (RH-Pioniere), um so auch den jüngsten Mitgliedern eine eigene Plattform zu geben für ihre Rote Hilfe Arbeit. Die RH-Pioniere organisierten fortan eigene Spendensammlungen und Solidaritätsaktionen für politische Gefangene und gegen die Klassenjustiz. Die RH-Pioniere erfaßten die 10-13-Jährigen, und die zeitgleich gegründete RH-Jugend die 14-23-Jährigen, wobei es den älteren Jugendlichen auch freigestellt blieb, sich gleich einer der Ortsgruppen der RHD anzuschließen. Die Pioniere und Jugendlichen zahlten einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 10 Pfennigen und erhielten eigene Mitgliedsbücher. Als zentrale Pionierzeitung, die auch von den Roten Jungpionieren der KPD, den Pionieren der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) und anderen Kindergruppen vertrieben wurde, diente „Die Trommel“. Außer in Bayern, wo Gesetze die politische Organisierung von Kindern verboten, gab es in allen Bezirken der Roten Hilfe Pionierabteilungen. Im Mai 1932 gehörten reichsweit 3.466 v.a. Proletarierkinder den 153 RH-Pioniergruppen an. Bis Ende 1932 wuchs die Mitgliedszahl auf rund 6.000. Wie alle proletarischen Organisationen wurden auch die Pioniergruppen der RHD 1933 nach der Machtübertragung an die Nazis verboten.

Rote Hilfe Pioniere Dresden-Plauen (wahrscheinlich 1931/1932)

Solidarität hilft siegen!

Geschichte: Statut der RHD 1924

RHD Weltkugel in Ketten

Statut der RHD 1924 zum Download (pdf)

Statut der Mitgliederorganisation
„Rote Hilfe Deutschlands“

Gegründet am 1. Oktober 1924

§ 1 Zweck

Die Mitgliederorganisation „Rote Hilfe Deutschlands“ ist eine überparteiliche Hilfsorganisation zur Unterstützung
a) der proletarischen Klassenkämpfer, die wegen einer aus politischen Gründen begangenen Handlung oder wegen ihrer politischen Gesinnung in Haft gekommen sind;
b) der Frauen und Kinder von inhaftierten, gefallenen oder invaliden Klassenkämpfern des Proletariats.

§ 2 Mitgliedschaft

Mitglied der „Roten Hilfe“ kann jeder werden, der den Zweck der „Roten Hilfe“ anerkennt und regelmäßig Mitgliedsbeiträge zahlt. Proletarische Partei-, Gewerkschafts- und Sportorganisationen sowie die Belegschaften von Betrieben können die Mitgliedschaft gegen Zahlung eines regelmäßigen Beitrages korporativ erwerben.

§ 3 Organisation

Die „Rote Hilfe“ baut ihre Organisation nach Wirtschaftsbezirken auf. Die Grundlage der Organisation bilden die Ortsgruppen, die ihre Hauptstütze in den Betrieben haben sollen. Zur Erledigung der propagandistischen und organisatorischen Aufgaben wird in jeder Ortsgruppe ein Ortsvorstand gewählt, der sich aus Vertretern der Einzelmitglieder und den angeschlossenen Betrieben, Partei- und Gewerkschaftsorganisationen, IAH usw. zusammensetzt. Die Wahl, die in der Mitgliederversammlung erfolgt, unterliegt der Bestätigung des Bezirksvorstandes.

§ 4 Bezirke

Die Ortsgruppen der Roten Hilfe eines Bezirkes bilden den Bezirksverband und unterstehen dem Bezirksvorstand, der auf einer Bezirkskonferenz aus den Vertretern der Ortsgruppen einschließlich der angeschlossenen Betriebe und Organisationen gewählt wird. Die Wahl unterliegt der Bestätigung durch den Zentralvorstand, dem das Recht zusteht, einzelne Mitglieder des Bezirksvorstandes ihres Postens zu entheben.

§ 5 Zentralvorstand

Die Leitung der gesamten propagandistischen und organisatorischen Arbeit der „Roten Hilfe“ liegt in den Händen des Zentralvorstandes, der auf der Reichstagung gewählt wird. Der Zentralvorstand bestimmt allein die Art und den Umfang der Unterstützungen. Alle Einnahmen und Ausgaben in den Ortsgruppen sind durch die Bezirksvorstände mit dem Zentralvorstand zu verrechnen.

§ 6 Revisionskommission

Zur Kontrolle der Kassenführung der Orts- und Bezirksvorstände, sowie des Zentralvorstandes sind für den Ort und Bezirk und für den Zentralvorstand Revisionskommissionen zu wählen, die die Kassen mindestens monatlich einmal überprüfen und über das Ergebnis zu berichten haben. Die Revisionen haben sich auf die organisatorische Arbeit (Mitgliederstatistik, Unterstützungsfälle) zu erstrecken.

§ 7 Beiträge

Der wöchentliche Mindestbeitrag für vollbeschäftigte Mitglieder beträgt 10 Pfennig, für nicht vollbeschäftigte Mitglieder 10 Pfennig im Monat. Wirtschaftlich besser gestellte Mitglieder haben höhere Beiträge zu leisten. Der Beitrag für korporativ angeschlossene Organisationen und Belegschaften unterliegt besonderen Vereinbarungen. Er soll jedoch mindestens im Monat 5 Mark für das erste Tausend Mitglieder oder Arbeiter und für jedes weitere Tausend je 1 Mark betragen. Der Beitrag der Organisation entbindet deren Mitglieder aber nicht von der Verpflichtung, als Einzelmitglieder der „Roten Hilfe“ Beiträge zu leisten.

§ 8 Unterstützungen

Die Unterstützung besteht in der Gewährung von Rechtsschutz, barem Gelde, Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Unterbringung der Kinder in Kinderheimen. Ferner in der Pflege der geistigen Verbindung der Arbeiterschaft mit den Gefangenen und ihren Angehörigen (Patenschaften), in der Versorgung mit Literatur, außerdem in dem ständigen öffentlichen Wirken um Erleichterung und Erlaß der Strafe (Amnestie). Ein klagbares Recht auf Gewährung von Unterstützung steht den Unterstützungsempfängern nicht zu.

Quelle:
Bericht über die Verhandlungen der 1. Reichstagung der RHD, Berlin 1925, S. 102-104; aus: Günter König: Der Kampf der Roten Hilfe Deutschlands gegen die Klassenjustiz der Weimarer Republik und für die Freilassung der proletarisch-politischen Gefangenen in der Periode der Weltwirtschafskrise (1929-1932). Dissertation. Karl-Marx-Universität Leipzig. Leipzig 1967, S. 218.